May 4, 1947
From Marie Wengbauer







Lieber Martin,


Du wirst erstaunt sein, von mir Post zu bekommen. Man kann ja froh sein, dass man glücklich und gesund über diesen ganzen Schwindel hinweg gekommen ist. Von Fräulein Weigand, die ab und zu noch zu uns kommt, habe ich Deine Adresse erfahren. Schon sehr oft haben wir von Dir gesprochen, ja wir haben sogar gedacht, Du würdest mit den Truppen zu uns kommen. Man hörte in Gross-Gerau sollte ein Oppenkont durchgegangen sein, aber, ob es wahr ist, weiß ich nicht genau.

Wir hatten immer solange durchziehende Truppen das waren 20 Mann Einquartierung: In der Zeit des Krieges hast Du doch sicher nichts von Deinem Vater und Hede gehört. Sie haben böse Zeiten mitgemacht, sie taten uns immer furchtbar leid. So lange wir konnten, haben wir mit Ihnen in Verbindung gestanden bis man es uns verboten hat; wir wurden sogar bedroht, denn wir haben noch lange mit Deinem Vater Geschäft gemacht. Nachher wie Dein Vater und Hede in Frankfurt waren, hat Dein Vater uns mehrmals  geschrieben, einen Brief hat meine Mutter noch von ihm aufgehoben. Wie Dein Vater sich von uns verabschiedete sagte ich zu ihm, warum gehen Sie mit Hede denn nicht zu Martin nach Amerika? Er gab mir zur Antwort: Einen alten Baum verpflanzt man nicht, wo ich geboren bin, da  will ich auch sterben. Aber sein Wunsch ging nicht in Erfüllung. Wir hätten ihnen gern geholfen, aber es stand nicht in unserer Macht das wirst Du auch verstehen. Hoffentlich müssen die richtigen Täter auch büßen.

Ich habe einmal Euer Haus gesehen, nachdem es ausgebombt wurde. Nachher habe ich nichts mehr sehen wollen, denn es hatte mich so aufgeregt, was hatte ich doch für schöne Stunden bei Euch gehabt ich denke, Du wirst Dich noch erinnern können.


Wie oft erzähle ich unseren Kindern davon. Du wolltest immer haben, ich sollte bei Dir bleiben und mit Dir spielen. Einmal fragtest Du Deine Mutter, wann macht  denn Mariechen sein Einjähriges? Einmal suchtest  Du beim Spielen die Frau; wir wußten nicht, was Du meinst, bis Deine Mutter sagte: Er meint eine Mutter (Schraube); vieles es vergisst man auch.

Jetzt möchte ich einmal wissen, wie es Dir geht. Hoffentlich sehr gut, was ich Dir von Herzen wünsche. Bist Du eigentlich verheiratet und hast Du auch Kinder? Schreibe mir doch einmal darüber, es würde mich sehr freuen.

Bei uns geht es gesundheitlich nicht ganz gut. Meine Mutter ist bei uns im Haus, sie ist am 22. 4. 77 Jahre alt geworden. In dem kalten Winter hat sie sich ??? ausgehalten. Kohlen gibt es gar keine und Holz nur sehr wenig. Da meine Mutter das offene Bein hat, muss sie kräftig leben sie ist sehr abgelebt ist aber mit ihren Jahren macht sie uns noch was vor. Was dem ...fehlt, kann man ihm nicht geben.  Mit der Ernährung geht es bei uns nicht gut, aber immer hin besser wie bei den Leuten, die direkt auf Marken leben. Das sind alles Spuren, die der böse Krieg hinterlassen hat.  Mein Mann war von Mai 1943 bis Sept. 1945 beim Militär. Die Zeit war ich mit meiner Mutter und vier Kindern allein, zwei Mädchen im Alter von 4 und 12 Jahren und zwei Buben im  Alter von 7 und 10 Jahre. Da hatte ich meine Last und dazu noch die Landwirtschaft. Das Geschäft hatten wir zu. Bis jetzt haben wir noch nicht auf. Genehmigung hatten wir schnell bekommen Mein Mann war kein Nazi und wir waren in keiner Formation, überhaupt in gar nichts.

Ich weiß nicht,  ob Du ihn kennst; er war 10 Jahre in der Bäckerei  ((Berg?)) in Trebur Deine Mutter kannte ihn sehr gut. Wenn heute Dein Vater noch da wäre, dann wäre bestimmt so keine Not von Brot, wir würden alles herbeischaffen, ich denke noch an die Zeit nach dem vorigen Krieg, da war doch alles viel anders. Wo ist eigentlich Deine Cousine Else und ihr Mann? Wir sollten damals ihr Auto nehmen. Deine Mutter hatte uns  noch von Frankfurt geschrieben, aber meinem Mann wurde es nicht genehmigt. Er war kein PG (Parteigenosse der NSDAP). Die hatten nichts zu reden, deshalb mussten sie auch zum Militär. Heute bin ich froh, dass wir alles so durchgehalten haben. Jetzt will ich aber Schluss machen, sonst wird Dir mein Schreiben vielleicht zu viel, aber ich meine eben, ich würde mich mit Dir unterhalten, und darauf habe ich mich schon lange gefreut.

Solltest Du einmal nach Deutschland kommen, so besuche uns, aber auch das würde uns sehr freuen.


Sei nun für heute recht herzlich gegrüßt von uns allen ganz besonders von Deiner alten treuen Freundin Mariechen.


Absender Marie Wengbauer Trebur b.GG



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