18. XI. 40

Dein Bf. vom 22. X. nebst kl. Bildchen erreigte (= erreichte) uns diese Woche und freute mich sehr damit, besonders deine Eltern und Schwager und Schwägerin wenigstens bildlich kennen zu lernen und machen sie mir einen bekoweten (jiddisch: „ehrenhaften“) Eindruck. Es thut mir leid, dass wir bei eurer Verlobung nicht mitfeiern konnten. Wenn ich´s früher gewußt hätte, wären wir übers Wochenende mal zu Euch gekommen.

Ich kann nur nicht verstehen, warum du Onkel S(alomon) und den Amerikanern gegenüber deine Verlobung so geheim hältst. Du hast ihnen doch allen keine Rechenschaft abzulegen oder befürchtest du was dabei? Ich würde mich freuen, von der l.(ieben) Mitzi sowie von ihren Eltern mal einige Zeilen zu erhalten, damit wir uns einstweilen brieflich kennen lernen, denn, bis wir uns persönlich kennen lernen, kann doch noch lange dauern, zumal es z.(ur) Z.(eit) in St.(uttgart) sehr sehr langsam zugeht und, wie man hö(h)rt, sollen die Emigranten von Baden jetzt zuerst nach U.S.A. kommen. Vielleicht kann dann Tante Hans auch zu Albert. Setze dich mal mit dem Roten Kreuz in Verbindung, ob du von Hans was hören und ihr vielleicht behilflich sein kannst. An uns hat sie bis jetzt noch nichts geschrieben, was nicht begreifen kann, wo doch schon einige Leute geschrieben haben sollen.

Du wolltest mich doch auch näher über die neue Verwandtschaft in München einweihen?! Was hatte dein Schwiegervater in München für ein Geschäft oder was hat er früher getan? Du kannst dir doch denken, wenn man soweit entfernt ist, dass einem doch alles interessiert. Bei mir geht es G.(ott)s.(ei) D.(ank) wieder ganz gut und fühle mich wieder ganz gesund. Bis dich diese Zeilen erreigen (= erreichen), werdet Ihr schon verheiratet sein, wozu ich Euch von ganzem Herzen gratuliere und meinen väterlichen Segen gebe und wünschte Euch, dass Ihr ebenso glücklich zusammenlebt wie ich mit meiner leiben Frau gelebt habe. Seid beide herzl. geküsst v. Eurem Vater


Oben: gib euch frau Kossmann



Comments