Ohne Briefkopf Dienstag, d. 19. III. 40

Soeben traf dein Luftbrief vom 25. I. ein, mit dem ich mich sehr freute, nach so langer Zeit mal wieder ein Lebenszeichen von dir erhalten zu haben.

Über den Inhalt desselben bin ich sehr erstaunt, da ich zum ersten Mal von dir höre, dass du dich verheiraten willst. Ich kann dies ja von hier aus nicht beurteilen. Aber du musst dir vor allem die Frage vorlegen, ob du mit deinem geringen Gehalt für 4 Personen aufkommen kannst. Ich habe dich immer für einen vernünftigen und braven Sohn gehalten; so auch heute noch. Und hätte ich doch zum mindesten von dir erwartet, dass du mir schon längst Näheres über das Mädchen sowie dessen Eltern mitgeteilt hättest. Wie du selbst schreibst , machen sich die Eltern Sorgen über die finanziellen Verhältnisse: daraus ersehe ich, Lücke wie sie sich auch Sorgen darüber machen. Ich hätte doch mindestens von dir erwartet, dass du gewartet hättest, bis Hede und ich drüben waren und mal Fuss gefasst hätten.

Ich glaube doch, in jeder Hinsicht, dass (ich) bis jetzt nur für meine Kinder gelebt und gesorgt habe. Dass mit Hede nichts erreichen konnte, tut mir sehr leid. Sie (ist) leider nicht in der Lage, einem Haushalt vorzustehen. Unter all diesen Umständen ist es für mich sehr fraglich, ob ich je nach America gehen kann. Bevor ich von dir ausführlichen Bericht von dir hierüber habe, wie du dir das alles vorstellst, kann ich mich nicht entschliessen auszuwandern; ich kann auch hier sterben! Ich war auch 34 Jahre alt, bis ich mich verheiratet habe und war in anderen Verhältnissen; aber meine erste Sorge war, meine Geschwister zu versorgen und trotz alledem habe doch noch eine liebe und gute Frau bekommen. Ich erwarte von dir, dass du dir diesen Schritt noch reiflich überlegst. Gruss und Kuss von d. Vater.

Lieber Martin! Dass dein Vater sehr aufgeregt ist, kannst Du Dir denken; wozu unseren Sorgen auch noch diese, dass Du die Absicht hast zu heiraten; denn man hat es eben schwer; man lebt in Aufregungen; ich glaube gerne, dass Du ein liebes Mädchen Dir ausgesucht hast; aber heute kommt auch die Pflicht für Vater und Hede zu sorgen; es geht mich wohl nicht(s) (an?) so denkst rechts: Du , aber ich weiss, was sich schickt. Lücke schreibe bitte ausführlich, denn es fehlen uns (Nachrichten?) Herzl. Gruss Joh. Kossmann



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