Firmenbriefkopf Frankfurt, den 9. Juli 1939

Lieber Martin.

Wie aus deinem letzten Brief entnehme, hast du die Absicht, dich selbständig zu machen, was ich mit Freude begrüsse. Ist es nicht ratsam, wenn du dich hier über mit deinem jetzigen Chef in Verbindung setzt und befragst, welches Betriebskapital hierzu erforderlich ist? Vielleicht kann er dir auch Ratschläge betr. des Platzes der Niederlassung geben, oder darf er es vorher nicht wissen, damit er dir nicht kündigt? Vielleicht sprichst du auch erst al mit Max Herz oder Lee.

Gestern erhielt Bf. von Ruth und hat sie ihre Stelle gewechselt und bekommt jetzt 35 D.(ollar); wie sie schreibt, hat sie es sehr gut getroffen bei einer älteren Dame mit ihrem Sohne. Auch Hanna hat ihre Stelle wieder aufgegeben; die Frau wollte ihr noch 10 Doll. geben. Ruth hat sich beschwert, weil sie von dir noch nichts gehört hat.

Ihre Adresse: Ruth Schwarz c/o Lindberger 520 W. 139 str. Apt. 45 N. Y. City. Lindberger´s schicken ihr die Post nach

Am Donnerstag war Herr Wetzler hier. Er ass mit uns zu Mittag, Kaffee und Nachtessen und haben uns sehr mit ihm gefreut. Wir spielten „Franz zu Fuss“, da uns der dritte Mann zum Scat fehlte.

Jacob Gottschall, der seither in Wiesbaden wohnte, will jetzt hierher und kommt morgen, um sich eine Pension zu suchen.

Ich denke, dass die Mainzer auch diese Woche nochmals kommen, da sie doch übernächste Woche weggehen.

Wie geht das Kartoffelsalatgeschäft der Fa. Sichel? Hoffentlich gut! Was machen unsere Amerikaner? Mein Bruder wird grosse Sprüche kloppen und erst Else!

Grüsse alle Bekannten und Verwandten von mir und sei du noch herzl. geküsst von deinem Vater.

Kommst du eigentlich mit Aug. Hirsch´s nicht mehr zusammen?

Am 26 Juli hast du Jahrzeit für d. L. Mutter sel.(ig)


Lb. Martin! Wir hoffen, dass Du Glück hast, und eine Idee verwirklicht wird, wenn es dann nur zu Gutem ausgeht! Wir machen uns grossen Kummer, denn man weiss nicht, wohin; wie gerne gingen zusammen nach Belgien! Diese Woche hatten grosse Aufregungen wegen der Wohnung; jeder ist wie toll, wenn man wieder umziehen müsste, das wäre furchtbar und, in welche Wohnung und Gegend? Wir fühlen uns mit Golds so behaglich, wenn etwas machen müssen, wollen am liebsten zusammen bleiben. Der Brief von Ruth und Hanne freute uns sehr, aber Du darfst niemand sagen, dass (sie) 35 D. verdient, sie sagte an Else und Opa „30 D“(ollar). , also verpapple (=„verplappere“) Dich nicht; auch geht Ruth nicht nach Ch(icago), was ihre Mutter tut, weiss (ich) nicht.

Am Dienstag feierten (wir)Tante Selma´s Geburtstag, hatte Erdbeer- und Heidelbeer- Kuchen und abends Lende(n)braten, K?. und Salate, Obst. Golds hatten uns eingeladen. Die Freundin von Else geht Anfang August aufs Schiff, lasse Dich von ihr und allen nicht ausfragen! Kommst Du oft zu Salomons? In Milwaukee und hat es ihnen nicht behagt, denn bei keinem erwähnten ein Wort von Sally; da hat etwas nicht gestimmt. Onkel Sal.(omon) hat einen ausführlichen Bericht an Ida Hirsch geschrieben. Diese war die ganze Zeit in Berlin. Recht herzl. Grüsse Joh. Kossmann.




Dear Martin,
As I take from your last letter, you wish to become self-employed which I am very happy about.  Wouldn’t it be helpful if you talked with your current boss about this and asked what sort of capital is needed for this?  Perhaps he can also advise you concerning the location; or perhaps he must not know about all this, lest he fires you?  Maybe it is better if you just talk with Max Herz or Lee about this first.
Yesterday we got a letter from Ruth who has changed jobs and is now making 35 dollars/week; as she writes it is a great job at an older lady and her son;  Hanna also gave up her job; the woman wanted to give her 10 dollars more.  Ruth complained that she had not heard anything from you.  Her address is: Ruth Schwarz c/o Lindberger 520 W. 139 str. Apt. 45 N. Y. City. The Lindbergers forward her post.
Thursday Mr Wetzler was here.  He had lunch and dinner with us which was great.  We played “Franz zu Fuss” for we were missing a third person for Skat.
Jacob Gottschall, who lived in Wiesbaden until now, wants to move here and comes tomorrow to find a place.  I also think the people from Mainz will come here once more as they are leaving the week after next.
How is the potato salad business of the Sichel family going?  Hopefully well! How are our Americans doing? My brother will talk big – Else even bigger!
Greetings to all and warm kisses to you from your father.
Are you not seeing August Hirsch anymore?
July 26 is the Jahrzeit [Anniversary] of your mother’s passing (may she rest in peace).

Dear Martin,
We hope you will be lucky with your idea becoming reality and that it all ends well!  We are very upset, for we do not know where to go.  We would like to go all together to Belgium.  This week we had a lot of excitement because of the flat; we are going crazy thinking that we may have to move again, that would be terrible, what flat, which area?  We like the Golds and if needs be, we would like to stay together.  We were very happy about the letter from Ruth and Hanne but you must not tell anyone that she makes 35 dollars; she said 30 dollar to Else and Opa, so hold your tongue.  As well, Ruth is not going to Chicago, and I have no idea what her mother will do.
On Tuesday we celebrated Aunt Selma’s birthday with strawberry and blueberry cake and the evening with sirloin, potatoes and salad, fruits.  We were invited by the Golds.  Elsa’s girlfriend is leaving the beginning of August by boot; don’t let her or anyone else ask you any questions. 
Do you often see Salomons? They did not like it in Milwaukee, for nobody heard from them about Sally; something must have gone wrong there.  Uncle Sal sent a detailed report to Ida Hirsch.  She was all this time in Berlin.  Warm greetings from Joh. Kossmann.

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