Firmenbriefkopf Frankfurt, den 10. 6. 1939


Lieber Martin

Dein Bf. Nr. 141 war in 8 Tagen hier und entnahm, dass du Schritte nach Mexico unternommen hast, wo mein Bruder Carl lange Jahre lebte - in San Antonio im Staate Texas. Ich werde morgen ans hiesige Consulat gehen und werde hören, was sie sagen und dir dann berichten. Auch werde nochmals an Philipp Marx in Antwerpen, den Schwager von Frau Kossmann schreiben, so ja wenig Hoffnung habe, da sich alle sehr zurückhaltend benehmen. Auch an Justins Eltern werde mich nochmals wenden, und hören, was du evtl. nach Belgien zur Sicherheit stellen müsstest.

Die Mainzer gehen jetzt doch nach England, da sie die Verlängerung der Wartezeit nicht betrifft; sie werden in der ersten Juliwoche fliegen. Heute Mittag werden (wir) sie zum letzten Mal dorten besuchen, da am 19. wird ihr Lift gepackt wird.

Gestern erhielt Bf. von Ruth, und schreibt sie sehr zufrieden. Sei betreut ein Kind von 18 Monaten bei anscheinend feinen Leuten. Sie verdient 30 Doll. und ihre Mutter, die bei einer alten Dame ist, 25 Doll. Von allen übrigen habe noch keine Nachricht.

Ich habe Ruth geschrieben, dass sie und ihre Mutter für sich bleiben sollen, denn sie haben lange genug unter der Bot(t)mässigkeit von Else gestanden und sollen sie doch auch mal ihre Freiheit haben. Sie würden ja doch nicht lange gut zusammen tun, wo sie hier fast tägl. Krach hatten.

An Max Herz schreibe noch nicht, will erst mal abwarten, bis Salom. mit ihm gesprochen hat. Ich freute mich von dir zu hören, dass dein Paketchen angekommen ist; hoffentlich stimmt auch die Nr. Aber erststaunt bin ich, dass dein Einschr.(eibe) Bf. leer war. Vielleicht kann doch näheres hierüber erfahren.

Familie Gold dankt für ihre Grüsse. Ich muss mich fertig machen, nach Mainz und will mich noch rasieren, deshalb Schluss Sei herzl. geküsst von d. Vater.


Am Mittwoch, den 26. Juli hast du Jahrzeit für d. l. Mutter; am Dienstag Abend musst du das Licht anzünden!

Mir tut es furchtbar leid, dass die Mainzer bald fort gehen und ist Familie dann alles erledigt. Wenn es mal heisst, mich von Euch und Vater zu trennen, dies wäre für mich furchtbar und darf nie daran denken. Wollen mal sehen.

Denke Dir, Wilhelm Frank ist diese Woche hier abends 8 ½ bei uns aufgetaucht ein grosser Aufschneider; ich konnte diese Redensarten nicht hören, ging zu Gold´s nebenan. Ich will noch an Ruth schreiben. Du meinst, Else soll auch mal was arbeiten, ihre Freundin war gestern abend bei uns und erzählte , Job hätte geschrieben,

Oben und nur, dass der Lift kommt sie? ist zum 17. Juli bestellt. Herzlichst

Joh. Kossmann


Dear Martin,
Your letter No. 141 arrived in eight days and so I learned that you made some steps regarding Mexico.  My brother Carl lived there for many years – in San Antonio, Texas.  I will go to the local consulate tomorrow to find out what they say and then I’ll let you know.  I will also write to Philipp Marx to Antwerpen, the brother-in-law of Mrs Kossmann; I have little hope as they are all rather silent.  I will also contact Justin’s parents to find out what you’d have to pay as a deposit for Belgium.  The family from Mainz goes to England now, since the prolongation of the waiting time does not apply to them: they fly in the first week of July.  Today we visit them there the last time for they will pack their things on the 19th.  Yesterday I got a letter from Ruth; she writes that she is very happy.  She looks after an 18 month old child of apparently very fine people.  She earns 30 dollars, and her mother, who looks after an old lady, 25 dollars.  I have not heard anything from any of the others.  I wrote to Ruth that she and her mother should stay by themselves, as they suffered long enough under Else's bossiness, and they deserve their freedom.  It would not work for long anyway, when they here had fights almost daily.  I won’t write to Max Herz now; I want to wait until Salomon has spoken with him.  I was happy to hear that you had received your package; hopefully the Nr is correct.  But I was shocked to find that your registered letter came on empty.  Perhaps we can find out more about that. 
The Gold family says thanks for your greetings.  I have to get ready for Mainz – must shave, so I’ll stop now.  Warm kisses from your father.
Wednesday, July 26 is the anniversary of your dear mother’ passing.  Tuesday night you must light the candle.
It is so sad that the Mainz relatives are leaving, for this is it for our family.  It would be unbearable if I had to be separated from you and your father; I must not even think of that.  Will see.
Imagine, Wilhelm Frank has shown up here this week, evenings at 8:30.  Such a show-off.  I cannot stand his way of speaking so I went over to the Gold’s.  I want to write to Ruth. You think Else should go to work.  Her friend came to us last night and said Job wrote to her, that their things will be shipped Juli 17.  Greetings Joh. Kossmann.
Comments