Firmenbriefkopf, Frankfurt, den 31. I. 1939


Lieber Martin

Deinen Bf. 124 erhielten gestern und freut es mich, dass du wohl bist und die Lage richtig durchschaust. Auch von hier ist es sehr schwer wegzukommen. Ich habe am Sonntag einen Herrn gesprochen, der Jemand weiß, der uns die Bürgschaft in Belgien stellen würde, kostet aber 500 Doll., und dann kommt der Lebensunterhalt für mich und Hede. Für Frau Kossmann sorgen wohl ihre Geschwister. Da doch mindestens mit 2 Jahren Aufenthalt dorten zu rechnen ist, musst du dir die Frage vorlegen, ob dies auch bestreiten kannst oder hast du eine Hilfe? So ungern ich seither gehen wollte, so gerne ging jetzt, obgleich hier sehr schön wohnen, aber man sieht von Tag zu Tag mehr, dass es doch keine bleibende Städte (Stätte) ist.

Heute waren Kaufmann´s hier bei uns und erzählten mir, dass sein Neffe jetzt nach England geht, da ihm ein Verwandter 1000 Doll. Caution gestellt hat für ihn und seine Frau und Kind, allerdings haben sie die Nr. 90-10 Tausend. Mit Frankreich sind sehr schlechte Aussichten und heute auch nicht ratsam. Ich werde morgen wieder mit dem Herrn wegen Belgien sprechen, der ja 80 Mille Goldmark Caution stellen muss.

Am Sonntag geht Emma Koch mit Rosel nach England zu ihrem Sohn Erich, der dorten eine hervorragende Stelle hat.

Letzte Woche starb Erna Krämers Vater an einem Herzschlag. Erna ist wohl längst gelandet.

Am Sonntag waren Frau Kossmanns Bruder und Frau bei uns und setzen auch alle Hebel in Bewegung , um fortzukommen. Sobald ich weiß , wo wir unterkommen können, gebe dir Nachricht. Bleib mir nur gesund und denke an deine Pflichten! Herzl Kuss v. deinem Vater.

Lieber Martin! Endlich ist Vater soweit, dass es bald Zeit ist; am billigsten wäre Belgien und habe deshalb jetzt meiner Tochter geschrieben, dass sie zu Aussprache kommt. Sig. und Rosel sollen zur Überbrückung nach Bolivien, von da aus zu dem Bruder von Rosel - meine Geschwister helfen da mit.

Vater hat doch schon längst die Bürgschaft bestätigt und bei den Verwandten bedankt, dieselben liegen bei der United States Line zur Aufbewahrung.

Unsere Wohnung ist recht gemütlich, das Wohnzimmer hat den(m) alten Sekretär wieder einen Ehrenplatz gegeben. Wir haben nette Beleuchtung. Stehlampe und Luminator, 3 Lederstühle ein Sessel vom Salon der kleine Gobelin, lederne Bakesessel. Coutsche und Tisch, das zerschlagene Buffet. 2 Zimmer haben leer vermietet mit Küchenbenutzung, - denn was sollen mit so viel Zimmer? Glaube mir, man muss sich durch die Umstände erholen. Die Nerven haben es sehr nötig.

Job geht in 14 Tagen weg, Else erst später, es dauert sehr lange, bis man alles soweit hat. rechts: Für heute herzl. Grüsse Joh. Kossmann



Dear Martin,
We got your letter No 124 yesterday; it made me happy to know that you are well and that you understand the situation correctly.  It is very difficult to get away from here.  Sunday I spoke to a man who knows someone who could give us an affidavit for Belgium, but it costs 500 dollars and then we still need the support for me and Hede.  Mrs. Kossmann would be taken care of by her siblings. Since we count of at a minimum 2 years we have to spend there, you must think about whether you can afford that, or do you have anyone to help you?  I don’t like the idea of leaving, and yet, I’d love to leave now, because, no matter how nice a place we have now, you can tell every day more and more that this is not a place where we can stay.

Today the Kaufmann’s were here and told me that his nephew goes to England as a relative gave him a 1000 dollar caution for him, wife and child, but they have the number 90-10 thousand.  France does not look too good these days; it is not advised to go there.  Tomorrow I will speak with this man again about Belgium; he has to offer 80 thousand Goldmark in caution.

Emma Koch and Rosel go to her son Erich to England on Sunday; he has a great job there.
Last week Erna Krämer’s father passed away after a heart attack.  Erna must have meanwhile arrived over there.
On Sunday Mrs Kossmann’s brother and his wife visited us; they are also doing everything to get out of here.
As soon as I know for sure where we could stay, I’ll let you know.  You just stay healthy and think about your duties.  Warm kisses from your father.

Dear Martin,
At last your father made up his mind and wants to leave soon.  The least expensive way would be Belgium and I have already written to my daughter to let us know what can be done.  Sig and Rosel go to Bolivia and from there to the brother of Rosel – my siblings are helping them.
Father confirmed the affidavit long time ago; he thanked the relatives for it and all this has a copy with the United States Line.
Our home is starting to look nice; the old bureau has found its place.  We have great lights.  A floor lamp, a Luminator, 3 leather chairs, a chair from the living room with the small gobelin, a few more leather chairs.  Couch, table, the destroyed buffet; 2 rooms are rented out empty, but with the use of the kitchen.  What should we do with so many rooms?  Believe me; we need to recover from the circumstances.  Our nerves are through.
Job is leaving in 14 days, Else only later; it takes very long until one has everything taken care of.
Warm greetings Joh. Kossmann.

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