Firmenbriefkopf Frankfurt, den 22. Januar 1939


Lieber Martin!

Ich hoffe dich gesund und kann G. L. Gleiches von uns berichten; auch Frau Kossmann geht es wieder gut. Wir haben gestern die ersten Einkäufe für unsere Wohnung gemacht: ein Luminator, eine Tischlampe, 2 Nachttischlampen und 1 Heizkissen für 100-200 Volt; morgen wollen die Vorhänge kaufen, und so kommt eines nach dem anderen. Aber es kostet alles vieles Geld. Jetzt kommt noch 1 Gasherd und etwas Möbel. Mit der Zeit wird´s auch wieder wohnlich bei uns.

Else und Job waren diese Woche in Stuttgart und wird Job nächste Woche abreisen; er wird was von Moll mitbringen. Else fährt im März mit den anderen. Diese Woche war auch Onkel Max hier am engl. Consulat und empfing dorten die weißen Karten für sich und Tante Selma und wollen sich jetzt erst ihre Zähne zurecht machen lassen und gehen dann zur Überbrückung nach England; dies erreichten sie durch ihren Neffen Erich, dessen Chef für den Unterhalt bürgt; aber Aenne und Ernst kommen für den Unterhalt auf.

Wir könnten evtl. durch Jacob nach Paris, wenn jemand da wäre, der für den Unterhalt aufkommen würde. Für Belgien sind schlechte Aussichten.

Hast Du dich eigentlich hierüber mal mit den Verwandten unterhalten, oder haben sie dir ablehnenden Bescheid gegeben? Alles sehnt sich fort von hier, aber es geht nicht so leicht.

Seit (ich) hier bin, habe schon 2 mal Scat gespielt und werden morgen Mittag wieder spielen. Zeit hierzu hat Jeder.

Hede ist zu Betty Dahlerbruch, die jetzt auch hier wohnen, haben ihr Haus verkauft, da es genau so aussah wie bei uns.

Deinen Bf. erwarte morgen. Sei herzl. geküsst von deinem Vater.


Lieber Martin! Es geht mir wieder besser, aber eingewohnt bin noch nicht und sind noch lange nicht in Ordnung; es sieht alles verwahrlost aus, denn hat man zu viel mit den Nerven gelitten; wie sagte Herr Kaufmann, der diese Woche hier war, wir hätten in den 4 Nächten, die zu Hause verbrachten, mehr durchgemacht wie sie und wenn die 3 Frauen also wir nicht so standhaft gewesen wären, wäre alles, Wäsche und Kleider alles fort gewesen.

Es tut uns so unendlich weh, dass nicht fort können, man lebt in Sorgen und ihr draussen seid frei.

Heute hatte von Gustav und Lori und Else Siegel Nachricht von hoher See und kommen spätestens Mittwoch den 5ten an. Habe bald keine alte(n) Freunde hier. Klara Mainzer war gestern bei uns. Moritz ist bei Heiny nach Holland und Klara fährt auch hin, sobald sie ihre Genehmigung hat.

Gretel und Mann gehen vorerst nach Paris; oben: wie Onkel Alex erzählte, heiratet Margot im Monat Februar und daran anschließend fährt Tante Sophie nach New York. Onkel Jacob geht später hin.

Tante Hans geht es besser, aber wenn sie Meta und die Kinder wieder hat, ist (es) zuviel. Vor allem muss sie zunehmen.

Wir nehmen an, dass Du jetzt von Guthmann´s Kinder das Mitbring(sel) hast

Wie Johanna Kahn mir sagte, hätte Karl noch nichts davon erwähnt. Siehst Du die Gerauer noch von Zeit zu Zeit. Jule Strauss ist doch auch dort.

Herzl. Grüsse Johanna Kossmann


Dear Martin,
Hope you are healthy, and praise God, we are, too.  Even Mrs Kossmann is well now. Yesterday we went shopping the first time for our new place: a Luminator, a table lamp, 2 lights for the night table and a heating pad for 100-200 Volt; tomorrow we’ll buy curtains, and so, we complete one thing after the other.  But all this costs too much money. 
We’ll get a gas oven and some furniture.  Eventually this will feel like home here, too.  Else and Job went to Stuttgart this week and Job leaves next week; he will bring you something from Moll.  Else goes with the others in March. This week Uncle Max came here to the English consulate where he got the white cards for himself and Aunt Selma; now they want to have their teeth fixed and then off to England until they can emigrate.  All this they managed through their nephew Erich whose boss will offer the affidavit; Aenne and Ernst will support them in England.
We, too, could eventually go to Paris with Jacob’s assistance, if only we could find someone who could support us there.  Belgium does not look too good.  Have you already talked to the family about this, or have they already said no?  Everyone fervently wishes to get out of here, but it isn’t so simple.
Since we moved here, I have played Skat twice and tomorrow we’ll play again.  Time we do have for this.
Hope to receive your letter tomorrow.  Warm kisses from your father.

Dear Martin,
I feel better now, but I do not feel at home yet, and it is still chaotic here.  Everything feels so unkempt here, as we suffered a lot with our nerves. Mr Kaufmann was here this week and said we went through a lot more in the 4 days we spent back home than they, and if the 3 women had not been so strong, everything, including clothes and linen would be lost. 
It pains us terribly that we cannot leave, and we have to live in constant worry, while you out there are free. Today Gustav and Lori and Else Siegel received news from the sea that they will arrive the latest on Wednesday, the 5th.  Soon we’ll have no friends left here.  Klara Mainzer was here yesterday.  Moritz is with Heini in Holland and Klara will follow him as soon as she receives permission.
Gretel and husband go to Paris first. On top: as Uncle Alex told us, Margot will get married in February and then Aunt Sophie will go to New York.  Uncle Jacob will go later.
Aunt Hans is feeling better, but when Meta dn the kids stay with her, it is too much for her.  She has to gain weight, first and foremost.
We assume you have got the presents through Guthmann’s kinder now.  As Johanna Kahn told me, Karl has not mentioned anything about that.  Do you occasionally see the people from Gerau?  Jul Strauss is also there, after all.
Warm greetings Johanna Kossmann

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