Firmenbriefkopf Gross-Gerau, den 24 bzw. 25. December 1938

Lieber Martin.

Deinen Bf. 118 habe erhalten und mich sehr damit gefreut. Ganz besonders freut es mich, dass du die Cousins von Frau Kossmann zur Stellung der Bürgschaft bewegt hast. Jetzt hoffe ich mit Gottes und Eurer aller Hilfe, dass wir auch weiter kommen werden. Wenn die Quote nicht erhöht wird, oder sonst eine andere Möglichkeit geschaffen wird, dauert es für uns noch sehr lange, bis wir fort können. Ich glaube, ich habe dir geschrieben, was das Frl. (Fräulein) von der United States gesagt hat. Bis wir dran kommen, seiest du amerikanischer Bürger.

Die Mainzer haben die Nr. 8612 und sollen erst im Oktober an die Reihe kommen. Wenn wir nur eine Hilfe für den Lebensunterhalt zur Überbrückung in ein anderes Land bekommen könnten. Dann wäre uns ja geholfen. Aber dies wird schwer halten.

In der Januarwoche gedenken, in unser neue Wohnung zu kommen und freue mich auch wieder mal ein Heim zuhaben, obgleich es ja hier doch nicht so vermissen, denn Selma und Max sind mehr so lieb zu uns.

Wir sind doch jetzt schon 6 Wochen hier. Hast du eigentlich mit Max Herz und Frau schon mal über unsere Lage gesprochen? Und was spricht er dazu? Allem Anschein nach fühlt er nicht so sehr mit uns. Lieber Martin, sei nur fleißig und spare. Wenn ich noch das Glück habe hinüber zu kommen, werde gerne jede Arbeit annehmen, wenn auch noch so untergeordnet.

Job hat für den 30. Januar seinen Schiffplatz bestellt und hofft bis dahin weg zu kommen. Sonst weiss für heute nichts zu berichten. Grüsse all Verwandten und sei du noch herzl. geküsst von deinem Vater.


Lieber Martin!

Mit Deiner Karte, dass meine Cousine für mich die Bürgschaft stellt, kam auch Brief von ihr und schrieb sie sehr lieb und nett zu mir und schickte mir 80 M, da ich so vieles verloren habe; du hast recht, es ist ein schönes Geburtstagsgeschenk für mich; es war mal wieder ein Sonnenschein für uns nach allen traurigen Tagen; ach! - könnten jetzt nur schnell fort! Jeder hofft, dass zu dem Amerikanischen Congress etwas kommt.

Ich danke Dir, lieber Martin, recht herzl. für deine Bemühungen und hoffe, dass alles zum Guten noch einem sich bessert. Glaube mir, wir sind viel älter geworden durch die Aufregungen; diese Woche haben noch viel Arbeit, bis unsere Sachen zum Packen kommen und müssen ... manches kaufen. Was habt Ihr Euch in eurer Wohnung angeschafft? Ich denke, dass ich meine Tochter, wenn wir umgezogen sind, wieder mal kommen lasse, um alles zu besprechen, denn seit dieser Woche kann man die Schiffskarten nicht mehr im Voraus zahlen, wenn man in ein anderes Land zur Überbrückung geht. Täglich giebt es neue Verfügungen.

Vater wird dieser Tage überall hinschreiben und sich bedanken, glaube, dass man in Stuttgart nicht viel erreicht.

Tante Hilda schrieb, und meldete, dass Gustav sich verlobt hat, mit einer Rechtsanwaltswitwe aus Düsseldorf, die im Spt. nach New York käme eine 2-7?- Zimmerwohnung hat, wenn die Blutproben gut ausfallen heiraten sie gleich. Für Onkel und Tante ist Zimmer schon serviert.

Es klingelt ständig man kann bald nicht

Oben: schreiben haben immer Besuch. Für heute herzl. Grüsse und alles Gute fürs Jahr 1939!

Nochmals herzl. Dank Gina erwartet Nachricht von Dir – mit herzl. Grüssen Johanna Kossmann.


Links: Iida Hirsch ist auch eben da, erwartet Nachricht, dass Minna angekommen.


Oben.


Llieber Martinm ich freue mich immer von Deinen ...Verhältnissesen????? zu hören

Nun ist lb.Minna mit Hans auch drüben und wir müssen warten Deinen Lieben geht es gut Herzlichst Ida Hirsch


Dear Martin,

I received your letter No. 118 and was very happy about it.  I was particularly glad to hear that you managed to persuade the cousins of Mrs Kossmann to send her the affidavit.  Now I hope that with God’s help and yours we can move on. If raising the quota or some other possibility does not happen soon, it could take very long for us to get out.  I believe I already wrote to you what the woman at the US office said: you will be citizen by the time we have our turn.
The number of the people from Mainz is No. 8612 and they will have their turn only next October.  If only we could get some financial support to stay in another country until our turn comes.  That would really help. But this will be difficult.  We are thinking of moving in January to our new home; I look forward having a home again, although Selma and Max are very sweet with us.
We have stayed her for 6 weeks already.  Have you spoken with Max Herz and his wife about our situation yet?  What does he think?  It looks like he does not quite feel for us.  Dear Martin, be diligent and save as much as you can.  If I were so lucky and came over, I’d take on any job, no matter how menial.   Job has reserved his room on the ship for Jan 30, and hopes to get away til then.  Otherwise nothing new to report.  Greetings to all and warm kisses to you from your father.



Dear Martin,
Together with your card reporting that my cousin would send me an affidavit came a letter from her, too, and she wrote very nicely to me and sent me 80 marks as I have lost so much; You are right, this was a great birthday present for me; at last some sunshine after the sad days for us; if only we could leave now.  Everybody hopes something will happen at the American Congress.  Thank you so much, dear Martin, for your efforts and hope it will all turn out good.  Believe me we aged a lot because of all the upset.  We have to work hard this week to pack everything and have to buy some new stuff.  What new things have you got in your place?  I think once we have moved I’ll ask my daughter to come to us to discuss all issues.  Since this week you cannot pay for the tickets for the ship in advance if you leave for another country for a while to bridge over the time until you can leave for good.  New rules every day!
Father will write to all to thank them- we don’t think much will change in Stuttgart.
Aunt Hilda wrote that Gustav is engaged to a widow of a lawyer from Düsseldorf who comes to New York in September where she has an apartment – if the blood tests turn out alright, they’ll marry right away.  Uncle and Aunt have their room reserved already.

Top: The doorbell is constantly ringing – one cannot write like this – there are always visitors.  Warm greetings and Happy 1939!  Thanks again; Gina expects news from you.  Warm greetings Johanna Kossmann

Left: Ida Hirsch is here; expecting news that Minna had arrived.

Top:

Dear Martin,

I am always happy to hear about your life.  Minna and Hans are now over there, too; we must wait.  Your loved ones are doing well.  Regards Ida Hirsch

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