Firmenbriefkopf Gross-Gera, den 18. December 1938


Lieber Martin

Gestern kam dein Bf., mit dem ich mich wie immer sehr freute. Wir sind G.(ott)L.(ob) alle gesund; L. Max, Herr Kaufmann und Siegmund von Worms kamen diese Woche zurück und geht allen gut und freuen sich, wieder zu Hause zu sein. Alle, die jetzt zurück sind, sehen zu, auf dem schnellsten Wege ins Ausland zu kommen. Ich war diese Woche bei der United States und fragte nach den Papieren und frug das Frl. wie lange du in America seiest und meinte sie, bis ich an die Reiche käme, wärest du amerikanischer (Staats)Bürger. Hoffentlich kommen aber doch bald zur Überbrückung in ein anderes Land, denn so lange möchte doch nicht hier bleiben. Die einzige Frage ist jedoch, wer sorgt dorten für unsren Lebensunterhalt, so lange dies Frage nicht gelöst ist, können wir nicht weg. Denn Geld können ja nicht mitnehmen und hier wird es von Tag zu Tag weniger. Diese Woche musst die I. Rate der Abgabe ca. 5000 Mk zahlen und von den Aussenständen geht so gut wie nichts ein. Alle glauben, sie brauchen dem Jud nicht mehr zu zahlen.

Wir müssen sehen und abwarten, wie es weiter geht. Am Montag fuhr Minna Hirsch (Heini´s Frau) ab und in Le Havre ist Julius Strauss zu ihr eingestiegen. Der kommt ja nach Chicago und wirst du ihn hoffentlich bald treffen. Du schriebst in deinem Bf. wegen Mitnahme von Möbeln, woran heute noch nicht denken dürfen; da man ja nicht weiss, ob bis dahin noch was mitnehmen können. Sonst weiss für heute nichts zu berichten. Sei herzl. geküsst von deinem Vater.


Lieber Martin!

Du denkst, dass man schnell fortkommt, aber das ist leider nicht der Fall. Gina erwartet Nachricht von Dir wegen meiner Bürgschaft, auch schrieb sie, dass wenn Vater zur Überbrückung nach dort kann 4000 - 5000 Francs benötigt , aber wenn alle soweit ist veranlasse ich meine Tochter, dass man alles mit ihr bespricht auf dem raschesten Weg ....es fort für jeden. Geld bleibt keinem, da die Abgaben zu gross sind, aber die Hauptsache, dass man gesund bleibt und Nerven behält.

Wir denken Anfang Januar umzuziehen, Tante Selma will nicht haben, dass uns zu sehr beeilen. Es ist jetzt sehr kalt, aber wir wollen doch wieder mal lein bischen in Ordnung kommen. Else und Job sind am 19. Jan. in Stuttg.(art) bestellt, Onkel (Salomon) und Hanna noch nicht und ist es möglich, dass Job allein fortgeht.

Morgen fahren nach Hause (nach Gross-Gerau), dass einen Anfang bekommen; denn es sieht lieb aus. Schlafzimmer sind so ziemlich all right, aber unten haben Tisch, Couch und 3 Stühle, Chaiselongue, Ledersessel, Bakesessel , der repariert ist. Wenn Sig. Ernst, dass man ihn besuchen kann , fahre nächste Woche hin. Wir sind froh, dass unsere Lieben gesund sind, es giebt viele Kranke, bei der Witterung.

Für heute herzlichst, schreibe oft, sorge für alles Joh. Kossmann.


Oben:

Deine Cousine Hanne will sich bald verloben und drüben heiraten, ein Herr Decer aus Alzey – sie gilth als die 3. Frau. Grüsse von Tante Selma und Onkel Max.



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