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Mainz den 26. Nov. 1938


Lieber Martin! Jetzt sind bald 14 Tage hier und waren am Donnerstag mal zu Hause nachsehen; aber zurück, das giebt es nicht mehr! Wir haben, wenn zu arbeiten anfangen wollen, viel viel Arbeit, unsere Nerven sind etwas gestärkt, und wissen noch nicht, was tun. Obwohl wir schon uns Mühe gaben bei m.(einen) Lieben draussen unterzukommen, geht die Einreise auch nicht. Am liebsten weit weit fort! Heute schrieb Philipp, dass sie uns gerne helfen möchten, aber mit der Zeit wird für uns dort doch eine Übergangs- Station sein. Erst müssen Sie Sigmund helfen, denn er ist noch verreist und hat Rosel noch keine Nachricht.

Tante Selma hat jetzt endlich Bericht von Onkel Max auch Frau Kauf(mann); er ist bei Weimar und ist gesund. Was gedenkst Du, l. Martin für uns tun zu können? Jeder einzelne ist macht -und ratlos.

Dein Brief erhielten am Donnerstag; sicher warst Du noch nicht so im Bilde; wir sind alle glücklich, dass Du draussen bist, es heisst für Dich nur für die Nächsten zu sorgen.

Am Mittwoch besuchte uns Tante Hans und Onkel Josef, letzterer fuhr nach Hamburg, um Albert zu begleiten und sind froh, dass es endlich so weit ist, hoffen, dass er seine Frau und Kinder bald nachkommen lassen kann - das ist jetzt seine Pflicht.

Tante Hans schrieb, dass sie froh war, uns zu sehen, hatte allerhand Sorgen, um uns; dort (in Bretten) war es still.

Wie Gina schreibt. hat sie Deinen Brief erhalten; alle würden uns gerne helfen. Was soll ich viel berichten, wir sind gesund und hoffen, bald auf ein neues Heim. Job ist auch noch verreist und Onkel Salomon geht es gut, wie wir hörten. Lass bald oft was von Dir hören, und das ist unsere grösste Freude Mit herzl. Grüssen bin Deine Joh. K.


Lieber Martin ich bin über all die Vorgänge noch so aufgeregt, dass mir das Schreiben noch schwer fällt. Unser ganzes Möbel ist fast zerschlagen und verbrannt, so dass nicht mehr ins Haus gehen kann; wir müssen sehen, wo wir jetzt unterkommen. Am besten rasch aus Deutschland heraus! Die Geschwister von Fr. K(ossmann) wollen uns ja aufnehmen, aber ich kann dies doch nicht ohne Bezahlung verlangen und soviel Geld hast doch nicht, da man doch nicht weiss, wann wir nach U.S.A. können. Glaubst du, dass du Jemand findest, der dir beisteht, uns zu helfen. Sieh´ dich um bei allen Verwandten und Bekannten, vielleicht auch bei Udo. Ich denke, wenn du ihm und Max Herz unsere Lage schilderst, dass sie uns nicht im Stiche lassen.

Alles versucht, auf dem schnellsten Wege von hier weg zu kommen. Was ich für mein Teil erlebt habe, berichte im nächsten Brief. Grüsse alle von mir und sei du herzl. geküsst von d. Vater.

Tante Selma lässt dich grüssen.



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