Firmenbriefkopf Mainz, Albinistraße 17, den 11. November 1938


(Brief nach der Reichspogromnacht 1938)

Lieber Martin.

Ich danke für deine prompte Besorgung der Bürgschaft und ebenso danke ich Harry ganz besonders für seine grosse Gefälligkeit, die er mir hierdurch erwiesen hat. Richte ihm meinen Dank aus, da ich seine Adresse nicht habe, kann ihm nicht selbst schreiben. Wir müssen jetzt sehen so rasch wie möglich zur Überbrückung, bis nach U.S.A. können, in ein anderes Land zu kommen, wenn möglich nach Belgien oder nach Frankreich. Jacob schrieb, diese Woche, dass er uns behilflich sein wolle; aber es ist doch schwer, wenn man doch kein Geld mitnehmen kann. Findest du denn jemand, der uns geldlich unterstützen kann? Ich denke doch, wenn nach drüben bin, dass noch was arbeiten und dann meine Schuld wieder abtragen kann. du wirst dir wohl denken können, wie schwer es für mich ist, wenn man 66 Jahre alt ist und sein ganzes Leben viel und schwer gearbeitet hat und jetzt auf die gaben fremder Leute angewiesen sein soll. Hast du über diesen Punkt schon mal mit Max, Sophie und allen Verwandten gesprochen? ich denke, das wir mit Hilfe von Frau Kossmann vielleicht eine kl.(eine) Pension aufmachen können oder hast du sonst was, das wir tun könnten?

Ernst fängt jetzt das gleiche Geschäft, wie es Änne hat, an; wäre so was in Chicago nicht auch möglich? Setze dich mal mit Max Oppenheimer und Ernst hierüber in Verbindung. auch mit Max Herz kannst du mal sprechen und seine Ansicht hören. ich gehe diese Woche nach Ffm zu United Lines, ob die Bürgschaft da ist. Sollte für Frau Kossmann keine Bürgschaft dabei sein, so musst du unbedingt dafür sorgen. Du weisst, dass sie jetzt über 13 Jahre bei mir ist und stellt stet(z)s alles gut besorgt hat und kann man doch die Frau jetzt auch nicht im Elend allein lassen. Tue , was in deiner Macht steht!

Ich hoffe bald wieder gute Nachricht von dir zu erhalten und küsse dich herzlich dein Vater.

Ab 2. Januar ist unsere Adresse

Fürstenbergerstraße 167 I. Stock



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