Firmenbriefkopf, Gross-Gerau, den 12. Oktober 1938

Lieber Martin.

Dein dieswöchentlicher Brief ist noch nicht eingetroffen und wird er hoffentlich bald kommen. Wir sind G.s. D. alle gesund und hoffe desgl. (eichen) von dir. Am Sonntag waren wir in Mainz und trafen dorten Selma Levy und Gemahl von Frankfurt und Siegfried Levy; an diesem Tage waren es 29 Jahre, dass sich Selma und Max verlobt haben. Es war sehr gemütlich, die Damen spielten Romé und die Herren Scat, wobei die Fahrt für uns dreien verdiente.

Heute erhielt einen Bf. von Curt, worin er mich bat, mit den übrigen Verwandten zu sprechen, dass wir seine Eltern geldlich unterstützen. Dies besprach bereits am Sonntag mit Selma und bleibt natürlich für mich immer der Löwenanteil. Es ist ja nicht anders zu machen, verdienen kann Alex nichts mehr und hungern können (wir) sie auch nicht lassen.

Tante Hans dürfte es auch besser gehen, sie hat wieder ihr altes Leiden (Gallenseine) und hält grosse Schmerzen aus. Es ist dies jedenfalls viel den Aufregungen mit Albert zu zuschreiben. Gestern Abend rief (ich) an und ging es ihr etwas besser. Du kannst ihr auch mal wieder schreiben, denn sie freut sich doch immer, wenn sie von dir direct hört. Louis Kiewe hat sein Geschäft jetzt auch verkauft, ist aber behördl.(ich) noch nicht genehmigt.

Heute früh war auf der Bürgermeisterei und habe mir meine Anweisung bezg. der Kennkarten, die vom 1. Jan. ab jeder Jude in Deutschland haben muss, geholt.

Sonst weiss für heute nichts zu berichten. In Erwartung, bald Nachricht von dir zu erhalten, grüsse und küsse Dich dein Vater.


Heute habe nichts zu erzählen, wir warten noch auf den wöchentlichen Brief. Verwendest Du, l. Martin, die Rückportoscheine. Ich habe auch schon öfter bei Tante Hans angeboten, um ihr mal etwas behilflich zu sein, aber vergebens. Wenn Tante reisen kann, wollen beide wieder mal für einige Tage hierher. Es wäre eine Erholung für Tante. Für heute noch herzl. Grüsse Johanna Kossmann.


Dear Martin,

Your letter of this week is not yet here; hopefully we’ll get it soon.  We are healthy, thank God, and hope the same is true of you. Sunday we were in Mainz and met Selma Levy and spouse and Siegfried Levy. Selma and Max were celebrating their 29th engagement anniversary.  It was very nice – the women played Rummy and the men skat, where I won enough to pay for the drive for us three.
Today I received a letter from Curt asking me to speak to all the relatives to support his parents. We have already discussed this with Selma on Sunday, and of course I will, as always, carry the lion share of it.  There is no other way to do it; Alex cannot earn a living anymore and we cannot let them starve.
Aunt Hans is not well either; her old illness flared up (gallstone) and she is in great pain.  It has definitely a lot to do with Albert’s troubles. Last night I called her and she was feeling a little bit better.  You should write her too, she is always very happy to hear from you.  Louis Kiewe has sold his business as well, but it is not yet official. This morning I was at the city hall to pick up the new ID cards that all Jews must have as of Jan 1.
Otherwise, no news.  Hoping to receive some from you soon, warm greetings and kisses from your father.

I have nothing new to tell today, we are waiting for your weekly letter.  Are you using the return postage bills, dear Martin?  I have offered the same to Aunt Hans repeatedly, but to no avail.  As soon as Aunt can travel, they want to visit us for a few days.  That would surely help her get better.  Warm greetings Johanna Kossmann

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