Firmenbriefkopf, Gross-Gerau, den 6. Oktober 1938

Lieber Martin

G.S. D. dass sich dein Vorzeichen zum Guten bewahrheitet hat und der Krieg vermieden wurde. Es war ja nahe daran, und dies Unheil wäre nicht auszudenken gewesen. Diese Woche trafen unsere Nr. ein 27041/43, also bauchen wir im ersten Jahr noch nicht daran zu denken, dass wir fort können.

Ich habe ja auch viele Auss(en)stände einzutreiben, und das geht eben sehr langsam. Viele denken, sie brauchen nicht mehr zu bezahlen. Es freut mich, dass Max und Käthchen dich mal besucht haben. Hast du mal mit ihm (Max Herz?) über deine Zukunft gesprochen? Ich meine immer, es sei besser, wenn du ihn und Winter´s er öfter besuchen und dich mehr mit ihren anfreunden und in Fühlung bleiben würdest.

Diese Woche schrieb Hilda, dass Curt jetzt 25 Doll. verdient: ; für die kurze Zeit, kommt er rasch vorwärts durch Udo.

Euer Gänschen wird euch hoffentlich geschmeckt haben. Wir hatten 2 schöne Hühner von Arheiligen. Gestern war Jom Kipur und haben alle gut gefastet; hoffentlich auch du. Wir waren mit den Auswärtigen 20 Männer, gegen früher ca. 100 und kannst du dir denken, wie leer die Synagoge war. Und wer weiss, ob wir im nächstes Jahr noch Minjen haben; denn die meisten wollen fort.

Betr. der Bürgschaft für Frau Kossmann musst du alles daran setzen, dieses zu erreichen, denn ganz fremde Leute, sogar Christen sind bereit dieses zu stellen; ich denke, das Comitee wird die Verwandte von Frau Kossmann dazu zwingen, wenn du ihm die Adresse gibst und schreibst, dass sie sehr gut in der Lage ist und Frau Kossmann doch noch gut arbeiten und sich ernähren kann und ihre weitere Unterstützung nicht in Anspruch nehmen wird.

Wir wollen hoffen, dass hier Ruhe behalten.

Beinahe hätte vergessen, dir zu sagen, dass wir am Samstag in FfM bei Else durch eine Freundin uns deinen Film vorführen liessen und hat er uns allen sehr gut (oben weiter) gefallen; aber die Leute, die du alle schriebst hatten nicht eingeladen.

Sei herzl. geküsst v. d. Vater


Dear Martin,

Thank God your omen turned out true and the war could be avoided.  We were close to it, which would have meant unimaginable horror.  This week we received our numbers No 7041-43, so we can’t even think about getting away in the first year.
I still have to get my money in, and it is very slow.  Many think they don’t need to pay me anymore.  I am happy to hear that Max and Käthchen visited you.  Have you spoken with Max (Herz?) about your future?  I always think it would be better if you kept in touch with him and the Winters so that you could truly become friends and be close to them.
This week Hilda wrote that Curt makes 25 dollars; given the short time, he is doing really well through Udo.
Hopefully you had a great meal with your goose. We had 2 chickens from Arheiligen.  Yesterday was Yom Kippur and we were all fasting; hopefully you too. We had 20 men, including people from elsewhere, compared to the early 100 – you can imagine how empty the synagogue was.  Who knows if we can even get a minjan together next year; most want to leave. You must do everything to get an affidavit for Mrs. Kossmann, even strangers, or Christians would be willing to do it; I think the Committee will force Mrs Kossmann’s relatives if you give them the address and tell them she is well, can still work and support herself, so they do not further have to support her.
We hope peace will prevail here.  I almost forgot to mention that on Saturday in Frankfurt, we showed your film through a friend of Else and everybody loved it; although not everybody you had suggested was invited.  Warm kisses from your father.

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