Firmenbriefkopf überstempelt mit „Emil Marx“ Gross-Gerau, den 29. September 1938


Lieber Martin

Dein Bf. vom 15. mit Poststempel vom 17ten traf soeben ein, als Rosch-ha-schonoh-Bf. mit 3 Tagen Verspätung, aber dessen ungeachtet nehmen die guten Wünsche, die wir alle gebrauchen können, doch noch an. Über die ganze Lage in D(eutschland) seid ihr ja durch die Zeitung und Radio vielleicht noch besser im Bilde wie wir. Wir hoffen, dass heute in München eine Einigkeit erzielt wird. Wir müssen abwarten.

Eine Nummer von Stuttgart habe noch nicht. Dieselbe kann auch noch nicht da sein, da sie erst letzte Woche anforderten. Wie mir Ludwig Strauss, der letzte Woche in St.(uttgart) war, mitteilte, hätten sie dorten von 4 Wochen die Post noch ungeöffnet da liegen. Wenn es dorten keine Aenderung gibt, kommen im ersten Jahr noch nicht an die Reihe. Es haben sich dort viel Leute angemeldet und die nicht mal Aussicht auf eine Bürgschaft haben. Du kannst ja mal eine von dir besorgen und mit der Zusatzbürgschaft hat es noch Zeit, bis es soweit ist. Hoffentlich kannst du auch eine für Frau Kossmann besorgen. In A.(merika) sind doch so viele reiche Leute, die hier auch mal behilflich sein können, wenn du ihnen die Lage und die Verhältnisse schilderst; auch kannst du hierüber mit dem Hilfskomittee sprechen.

Gestern waren die Frankfurter hier und gingen zum Friedhof und fuhren gegen 7 Uhr nach Hause. Als sie kaum kaum weg waren, kamen Selma und Max von Baden-Baden zurück, assen mit zu Nacht und fuhren gegen 9 Uhr zurück.

Wir eben sehr viel am Radio, da man doch sehr gespannt auf die Nachrichten ist. Von Strassb(ur)g kommen sie heute 8 mal.

Die Frankfurter haben Aussicht im Decbr oder Januar nach Stuttgart zu kommen. Selma Loeb geht jetzt am 16. Oktbr. nach Mainz zu Max und Selma für einige Wochen, da sie ihre Wohnung in FfM gekündigt haben und glaubten schon früher auswandern zu können. Seppel hat sich in FfM ein Zimmer gemietet und isst im Club. So kommen viele aus ihrem Heim. Frau K.(aufmann) will noch daran schreiben. Herzl. Gruss und Kuss v.d. Vater.

Herzlichen Gruß und Kuß deine Schwester Hede.



Dear Martin,
Your letter from the 15th with a mail stamp of the 17th has just arrived; as Rosh Hashanah letter, it was 3 days late but we accept the good wishes nevertheless.  We can really use them.  About the situation in Germany you are probably even better informed through the radio and papers than we are.  We hope unity will be reached in Munich today.  We’ll just have to wait.
I still don’t have a number from Stuttgart.  It cannot be there yet, as I had just requested it last week.  As Ludwig Strauss who was there last week told me, the post from 4 weeks ago was still there, unopened.  If nothing changes there, we won’t have our turn next year.  Many people signed up, even without any hope for a sponsorship.  You could definitely get one from yourself; the additional one can still wait.  Hopefully you can get one for Mrs Kossmann as well. There are so many rich people in America, who could help if only you told them about the situation and the circumstances; you could also talk to the aid committee.
Yesterday the family from Frankfurt ws here; we went to the cemetery and they left for home around 7.  They had just left when Selma and Max arrived from Baden-Baden, ate supper with us and went back around 9.
We sit a lot around the radio as we are anxious about the news.  We get the news 8 times from Strasbourg.
The family from Frankfurt plans to go to Stuttgart in December or January.  Selma Loeb will move to Max and Selma to Mainz Oct 16 as they had already given up their flat in Frankfurt, hoping to emigrate earlier. Seppel rented a room in Frankfurt and eats at the Club.  So many lose their home.  Mrs. Kaufmann wants to write a bit more.  Warm greetings and kisses from your Father.  Warm Greetings and kisses from your sister Hede.

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