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Firmenbriefkopf überstempelt mit „Emil Marx“

Gross-Gerau, den 30. August 1938


Lieber Martin.

Dein Bf. Nr. 103 vom 18. Aug. traf am 28. Hier ein und freut es mich, dass es dir gut geht, was G. s. D. auch von uns hier berichten kann. Wir fuhren, Frau K.(ossmann) und ich, da Hede noch immer in Worms ist, am Samstag nach Bretten und hielten uns auf der Rückreise am Montag 4 Stunden in Heidelberg auf. Die Brettener sind gesund, sehen aber beide nicht gut aus. Albert´s Frau und Kinder sind bei Ihnen und scheinen Ihnen dies sowie Albert sehr zuzusetzen. Sie wohnen jetzt zu 5 Personen im oberen Stock, wo sie noch bis Ende des Jahres unentgeld(t)lich wohnen können. Sie hoffen dann ab 1/I gegen Bezahlung noch dorten wohnen bleiben zu können; wenn nicht wollten sie nach Heidelberg ziehen.

In Heidelberg haben sie auch gute Nachricht von ihren Jungens. Rudi ist jetzt mehr nach dem Westen gezogen. Dass er verheiratet ist, wirst du wohl wissen.

Wie du schreibst wird euer Zusammenwohnen bald aufhören, was vielleicht besser für dich sein kann. Ich würde dir raten, dich mal mit Gutmanns Kinder in Verbindung zu setzen; wie ich hörte, zahlen sie zusammen für Kost und Logis 15 Doll. die Woche. Vielleicht kannst du auch dorten wohnen und essen und du hast durch diese vielleicht die Möglichkeit auch zu deren Verwandten zu kommen. Vielleicht kann es schon von Vorteil für dich sein, diese mal kennen zu lernen.

Wegen den Frankfurtern kann dir noch nichts Näheres schreiben, da sie bis jetzt noch nicht nach Stuttgart bestellt sind. Hilda wird morgen von Mainz zurückkommen, wo sie 8 Tage weilte. Am Sonntag hatte sie auch Bf. von Curt und Bertel über deren (dessen) Inhalt noch nichts weiß, da dieselben nach Mainz nachsandte.

Louis Kiewe gibt sein Geschäft jetzt auch auf, da er ab 1/X nicht mehr reisen kann. Er hat Jemand, der es übernimmt; z. Z macht er Bestandsaufnahme. So verschwindet eins nach dem andern und so sind fast keine mehr da.

Sei herzl. geküsst v. d. Vater


Lieber Martin! Du hast keinen Begriff, welches Herzeleid Tante und Onkel in Bretten haben und ist Tante nur noch ein Skelett -was hat sie alles zu tragen! - aber es war trotz allem so gemütlich und waren froh zusammen zu sein; könnte sie doch zu uns kommen und sich etwas ausruhen! - aber den Haushalt kann man der Schwiegertochter nicht überlassen.

In Heidelberg war es nicht wie Vater erwartete, die Herzlichkeit fehlte, die Freude ist allem Anschein nach auf Seite der Schwiegermutter geschlagen und Vater ist enttäuscht. Du kennst die Menschen von heute nicht mehr.

Inzwischen wirst Du Nachricht von meiner Tochter erhalten haben. Hast Du von Hilde und Erich die Taschentücher bekommen? Wie ich hörte, war Hilde krank, sonst schreiben (sie) zufrieden.

Jetzt geht es in Stuttgart langsam - wenig Leute, die bestellt werden. Strauss von Nauheim gehen am 22. Sept. nach Stuttgart.

Ich werde Hede in Worms abholen, es gefällt ihr so gut und fühlt sich wohl dort. Nach Bretten kann vorerst nicht. Tante muss sich an das Leben mit den Enkeln gewöhnen. Wie ich höre, kommt Wolf, dein Freund, auch nach U.S.A. denn seine (Einschub oben) Geschwister seien alle drüben. Wir freuen uns dass du bessere Geschäfte machst und hoffen, dass du bald mehr verdienst. Vater sorgt sich darüber sehr, dass du nicht weiter kommst; hoffentlich wirst du nicht wieder ohne Arbeit sein, denn du hast später mal grosse Aufgaben zu erfüllen, für Hede zu sorgen - denke immer daran!

Vielleicht sagst Du, was geht das Frau Kossmann an? Aber ich bin heute mit allen so verwachsen nach so langen Jahren, dass ich darüber schreiben muss.

Für heute Schluss noch herzl. Grüsse von Deiner J. Kossmann.



Dear Martin,

Your No 103 letter of Aug 18 arrived and I was happy to hear that you were well, which is thank God also the case with us.  Mrs. Kossmann and I drove to Bretten on Sunday; Hede is still in Worms; On our way back we also went to Heidelberg for 4 hours.  The people in Bretten are healthy, but don’t look very great.  Albert’s wife and children are staying with them which is difficult for both them and Albert.  The five of them are living now on the top floor, which they can do rent free until the end of the year.  They hope they can stay there thereafter with payment; if not, they too want to move to Heidelberg.
In Heidelberg, they too have good news from their children.  Rudi has moved further West now.  You probably know he has got married.
As you wrote you’ll soon live no longer together which is probably the best for you.  I’d advise you to get in touch with Gutmann’s children, as I heard they pay 15 dollars per week for room and board.  Perhaps you could live and be fed there too, and through this also get in touch with their relatives.  It could be to your advantage to get to know them.  I cannot tell you anything new about the people in Frankfurt; they have not yet had their appointment in Stuttgart.  After the past 8 days Hilda will return from Mainz tomorrow.  On Sunday she got a letter from Curt and Bertel; I don’t know yet what was in it as it was sent to Mainz.
Louis Kiewe is giving up his business, too, as he cannot travel as of Oct 1.  He has someone to take over.  Right now he is doing inventory.  They all disappear, one after the other, and soon nobody will be there.
Warm kisses from your father.

Dear Martin,

You have no idea about the problems of Aunt and Uncle in Bretten; Aunt is just skin and bones with all that burden; still we were happy to be with them; she could come and stay with us to rest a little; but the big household cannot be left with the daughter-in-law.
It was not so great in Heidelberg, contrary to Father’s expectations; the kindness was not there; the happiness is now seemingly in the mother-in-law’s hands and father is disappointed.  You cannot recognise the people today.
Meanwhile you must have heard the news from my daughter.  Have you received the handkerchiefs from Hilde and Erich?  As I heard, Hilde was sick, but otherwise they are alright.
Now it is very slow in Stuttgart – only a few people get appointments.  The Strauss family from Nauheim has theirs on Sept. 22.
I will pick up Hede in Worms; she loves it there.  She could not go to Bretten.  Aunt must get used to living with the children first.  As I heard, your friend Wolf is going to the U.S.A. as all his siblings are there.  We are happy that you have better business now and hope you’ll earn more now.  Father is very worried about you not getting any further.  Hopefully you won’t become unemployed again, because you will have the great task of taking care of Hede – think about that.
Perhaps you will say, that is none of Mrs Kossmann’s business… But by now I am so much part of everything after so many years, that I must write about it.
That’s it for today, warm greetings from your J. Kossmann.

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