Alter Firmenbriefkopf , überstempelt Emil Marx Gross-Gerau, den 8. Juli 1938


Lieber Martin

Deinen Brief Nr. 95 erhielten gestern in Nauheim und freut es mich, dass es dir gut geht; ebenso ist dies bei uns der Fall. Wir sind seit Dienstag hier und gefällt es uns bis jetzt ganz gut. Wir sind wieder im Hotel Flörsheim, wo auch voriges Jahr war. Gestern war Job und Else hier und haben mit uns zu Nacht gegessen. Touren haben bis jetzt noch keine unternommen, hoffe, aber, dass wir heute Mittag beginnen.

Die Briefe nummeriere nicht mehr, da die Nummer nicht mehr weiß, da deine Briefe irrtümlich verbrannt wurden, aber deshalb sollst du doch nach wir vor wöchentlich Nachricht erhalten, ebenso erwarten wir, dies von dir.

Wenn es mal zur Auswanderung kommen sollte, hoffe ich, das du für frau Kossmann auch sorgen kannst, wenn du es nicht selbst tun kannst, vielleicht mit Hilfe anderer Bekannten; denn ich glaube heute, hilft doch ein Jeder, wer nur einigermassen im Bilde ist.

Die Frankfurter warten auf die Bürgschaft von Max Herz. Hast du in letzter Zeit was von ihm gehört? Einliegend füge dir 2 Aufnahmen, zu hause im Hof aufgenommen mit Familie Kaufmann. Also bleibe gesund und sei herzl. geküsst von deinem Vater.

Herzliche Grüße Hede.


Dein Brief hat uns viel Freude gemacht; er war sehr zufrieden, das ersahen zwischen den Zeilen. Jetzt sitzen zusammen in Bad Nauheim, ruhen die müden Knochen aus, die Nerven haben es nötig, verbummeln das bischen Geld. Man denkt ganz anders, wenn man von dem Alltag nichts sieht und hört. In Gedanken sichten schon so manches, aber fortgehen daran denket Vater nur, wenn nötig ist und ich dabei.

Hilde und Erich G(uthmann) werden bald dort sein, dann hörst, wie wir aussehen. Hast Du den Brief an Berthel beantwortet? - versäume es nicht!

Eure Wohnung muss ja feudal sein und wird es euch leid tun, wenn wieder umzieht. Euer Koch bietet sicher feines. Hede sagte, ob Martin jetzt Reis und Gries isst; man gewöhnt sich an manches wie sogar in den alten Tagen.

Onkel Max ist am Montag nach Wildungen, Tante Selma fährt in den letzten 8 Tagen hin; sie wird uns mal besuchen. Vater fragt eben, ob Du selbst Affidavit stellen kannst oder Max Herz mitbürgt?

Jetzt habt herrliches Hüttenwetter? Mit Karl Kahn kommst nicht zusammen? Vergesse nicht, wöchentlich zu schreiben. Wir erwarten immer Nachricht von Dir mit Ungeduld. Herz. Grüsse Joh. Kossann


Briefkopf: Hat Berthel auch die Grüsse von hier erledigt?


Gross-Gerau, July 8th, 1938

Dear Martin,
We received your letter Nr. 95 yesterday in Nauheim and it made me happy that you were doing well; we are also doing well.  We have been here since Tuesday and so far we quite like it.  We are staying again at Hotel Flörsheim, just like last year.  Yesterday Job and Else visited us and we had supper together.  Until now, we have not gone on any tour, hope we will start with that today at noon.
I will no longer number our letters because I don’t remember the number as your letters have accidentally been burned; nevertheless, you should receive weekly news from us just like before, and we expect the same from you.
Should it come to emigration, I hope you could also take care of Mrs Kossmann, if not yourself, perhaps with the help of acquaintances; I believe everybody who is just somewhat aware of the situation, would help.    
The people in Frankfurt are waiting for the affidavit from Max Herz.  Have you heard anything from him lately?  I enclose two photos that I took at home in the yard with the Kaufmann family.  Stay healthy and warm kisses from your Father.  Warm greetings Hede.

Your letter made us very happy; he was content, we could tell that reading between the lines. Now we are sitting together in Bad Neuheim, resting the old bones, the nerves need it as well, and we are spending the little money we have.  You think quite differently when you don’t see or hear any of the details of our everyday.  There are some ideas developing, but Father is musing about leaving only when necessary and I am with him.
Hilde and Erich G(uthmann) will arrive soon over there; then you will hear how we look these days. Have you responded to Berthel’s letter yet?  Don’t forget to do so!
Your place must be positively feudal and you will be sorry if you move again. I am sure your chef is excellent.  Hede was wondering if Martin now eats rice and gries; one can get used to everything, just like in the old days. 
Uncle Max goes to Wildungen on Monday, Aunt Selma will join him for the last 8 days; she will visit us then.  Father has just asked if you yourself can produce an affidavit or with Max Herz together? 

Now you have great cottage weather? Won’t you meet Karl Kahn?  Don’t forget to write to us every week.  We are always impatiently waiting for your news. Warm greetings Joh. Kossmann.

Letterhead: Has Berthel conveyed our greetings from here?
Comments