Gross-Gerau 29. Juni 1938

Lieber Martin!

Heute soll ich den Anfang zum Schreiben machen. Vater ist nach F.(rankfurt); Job macht für ihn Vermögensaufstellung. Heute früh erhielten Deine Karte und sahen, dass Du gesund bist. Bei uns ist eben immer Hochbetrieb; jeden Tag kommt ein anderer und fragt Auskunft; diese Woche war es schon ganz toll. Man muss jedem hilfreich sein, soweit es mit der Kraft steht.

Vorigen Freitag war Onkel Salmon und Job hier, auch Siegf(ried) Oppenheimer, freut man sich, diese zu sehen. Onkel S.(almon) sieht gut aus.

Am Samstag waren Vater und ich in Bad Nauheim und suchten Logis; natürlich haben da gemietet, wo Vater letztes Jahr war. Dienstag fahren für 14 Tage weg und wird die Erholung uns allen gut tun. Man hat es nötig. Soeben war Else Hirsch Büttelborn da, um sich zu verabschieden, geht 27. Juli, wohnen bei dem Vater ihrer Mutter, Guthmanns Kinder fahren über Antwerpen und habe Confekt und Mandel mitgegeben; lass sie dir gut schmecken, es sind Heimatklänge!

Wir haben die Wormser eingeladen, sollen Wochenend zu uns kommen; ich machte mir schon grosse Sorgen um sie aber G.s. D. sind wohl. -

- Wurde wieder gestört, es schellt heute ständig. -

Betty Mayer hat Wurst gebracht. Bei dem warmen Wetter trägst Du sicher deinen weissen Anzug oder ist das Waschen zu teuer?

Was hast Du Dir schon angeschafft, sind die Sachen noch all right?

Für heute die herzl. Grüsse auch an alle Bekannten Frau Kossmann.


Lieber Martin, wie aus deiner Karte ersah, habt Ihr z. Z geschäftlich mehr zu tun, was ja sehr erfreulich ist und dir hoffentlich auch nicht von Nachteil sein wird.

Gestern kaufte mir eine weisse Jacke für den Sommer und als zurück fuhr, fuhren Frau Simon Schott und ihre Tochter mit mir und erzählte mir, dass sie einen Bruder in Chicago hätten, der sehr reich sei, aber keine Bürgschaft stellen würde. Ich lege dir dessen Adresse bei, damit du ihn mal aufsuchst und eingehend über die Notwendigkeit derselben, nachdem du mit Gutmanns Kindern zusammen warst, mit ihm sprichst. Es gibt drüben viele Leute, die 20-30 Bürgschaften stellen, mitunter an Leute, die sie gar nichts angehen, weil sie eben diese Nothwendigkeit einsehen. So habe gestern in FfM gehört, dass ein christl. (icher) Herr von 84 Jahren, der z. Z in Nauheim ist, einer Freundin von Else die Bürgschaft stellt; also hoffentlich, dass du es mit Herrn Schloss auch erreichst.

Am Montag habe Jahrzeit für meinen Vater sel. und am Dienstag fahren nach (Bad) Nauheim. Du hast am Sonntag dem 7. August Jahrzeit für deine l. Mutter sel. und musst Du Samstag Abend Licht anstecken und in den Tempel gehen, um Kaddisch zu sagen. Sei noch herzl. geküsst von deinem Vater.


Briefkopf Hebe dir die heutigen Briefmarken auf. Was macht eigentlich deine Sammlung?


Dear Martin,

Today it is my turn to start writing.  Father went to Frankfurt; Job is helping him with putting together his inventory of assets. This morning we received your card letting us know that you are healthy.  We are quite busy these days.  Every day somebody comes to ask for information; it was rather crazy this week.  But we have to help everybody as much as we can. Last Friday Uncle Salmon and Job were here, with Siegfried Oppenheimer.  We were glad to see all of them.  Uncle S. looks good.
Saturday Father and I went to Bad Nauheim to look for lodgings.  We rented the same place that Father took last year.  On Tuesday we go there for 2 weeks; it will be great for all of us.  It is much needed. Else Hirsch of Büttelborn has just come here to say good bye, they are leaving July 27, to stay at the father of her mother; Guthmann’s children are going via Antwerpen and have sweets and almonds with them; hope you like them, they are the taste of homeland!
We invited the people from Worms to stay with us for the weekend. I was quite worried about them but thank God they are doing well.
Once more I have been interrupted by the doorbell.

Betty Mayer brought sausages.
In the warm weather you are surely wearing your white suit, or is the cleaning too expensive?
What new stuff have you bought, or are the old things still alright?
Give my greetings to all, Mrs Kossmann.

Dear martin, As I saw from your card you have these days more work, which is great to hear, and hopefully it won’t mean a disadvantage to you either.
Yesterday I bought a white jacket for myself for the summer and on the way back Mrs Simon Schott and daughter came with me and told me that they had a very rich brother in Chicago who however would not send an affidavit.  I send you his address, so you can visit him, and talk to him about the necessity to do so, after you have spoken to the Gutmann children about this.  There are people over there who send 20-30 affidavits, even to people they don’t have anything to do with, simply because they understand how important this is.  Yesterday in Franfurt I heard that a Christian gentleman of 84 years who is currently in Nauheim, had sent an affidavit to a friend of Else; Let’s hope you manage to persuade Mr Schloss as well.
Monday I have Jahrzeit, the anniversary of my blessed father’s passing and on Tuesday we go to Bad Neuheim. You have Jahrzeit for your blessed mother on Sunday, August 7 and so you have to light a candle and go to the temple on Saturday night, to say Kaddish. Warm kisses from your Father.

Letterhead Keep today’s stamps.  How is your collection doing?

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