Groß-Gerau, d. 22. 6. 1938

Lieber Martin!

Ich hoffe, daß es dir, lbr. Martin, gut geht, was ich von mir auch berichten kann. Gestern Abend war ich bei Liesel Hirsch, welche heute in Frankfurt bei Danzas packt und Montag mit Hilde und Erich wegfährt. Ich denke, daß Du Hilde und Erich in nächster Zeit sprichst.

Letzten Freitag ist der Bruder von Gustav Hirsch, Otto, beerdigt worden.

Frau Kaufmann und ich sitzen im Hof im Sommergärtchen, Frau Kaufmann macht Handarbeit, und ich schreibe. Wir haben heute herrliches Sommerwetter. Wie ist das Wetter bei Euch?

Ich habe die Absicht, Samstag bis Sonntag nach Mainz zu Levys zu fahren. Erwin Kaufmann ist schon gans(z) amerikanisiert, und schreibt gut. Ebenso Manfred aus Erez. Letzten Sonntag war Hochbetrieb bei uns. Frankfurt zu 3 Gegen 5, die Mainzer zu 3 mit Siegfried. Tante Selma erzählte am Sonntag, daß Heini Hirsch in Louisville für eine jüdische Zeitung reist und dabei ganz gut verdient.

Gestern habe ich englische Stunde , dabei habe ich die Namen sämtlicher Gemüse gelernt.

Nun, Lieber Martin, werde ich schliesen, da mein Wissen für heute erschöpft ist. Grüß mir bitte alle Bekandte und sei Du, lieber Martin, für heute recht herzlichst gegrüßt und geküßt von deiner Schwester Hede


Lieber Martin!

Da es zu warm ist, benutze die Zeit, um Dir mal etwas zu schmusen. Wir hatten eine Karte von Tante Hans, hat viel Arbeit mit dem Umzug nach oben, sorgt sich viel um Albert sehr; alles geht so langsam voran; es haben eben Masse Leute das selbe Los von Albert und man weiss nicht wo – jeder hat seine grosse(n) Sorgen; viele sind am Ende der Kraft. Man ist froh, dass zu Hause geblieben. Johanna K(ahn). war diese Woche da und sagte es selbst zu mir. Sig. und Rosel schrieben, haben die Anforderung nach B(uenos)A(ires) verlangt; wenn daran denke, wird es mir unheimlich zu Mute, da meine Verwandten und Bekannte dann weg sind. Wenn es dir möglich ist, mir mal auf meine Fragen betreffs Arbeit zu antworten, scheibe an Kaufmann´s! Ich weiss, Du warst ohne Arbeit und hoffe, Du was Richtiges hast und - wo bist Du beschäftigt?

Tante Hilda schrieb, Berthel hat auch noch nichts, aber Alice sei so aufmerksam.

Frau Michel kenne ich durch Sommerfeld; auf deren Trauung war ich mit den Herrn und ???.

Wie fühlt ihr euch in der neuen Wohnung, wer hält Ordnung?

Wir bekommen kein Obst, alles ist erfroren, etwas Stachelbeeren, Johannisbeeren, aber nicht viel, 5 Kirschen auf den Bäumen - das ist für die Spatzen, die wollen auch was haben.

Lass es Dir gut gehen, schreibe oft, das ist ein Sonnenstrahl für uns. Herzlichst grüsst Joh. Kossmann


Einschub oben

Möbel anzuschaffen ist so; lass es Dir von Hilde sagen! Ich war bei Kahn und freute sich Frieda. Grüsse an Karl.


Dear Martin,

Hope you are doing well, dear Martin, which I can report about myself as well. Last night I was with Liesel Hirsch, who is packing in Frankfurt at Danzas and leaves on Monday with Hilde and Erich.  I believe you will be talking with Hilde and Erish soon in person.
Last Friday was the funeral of Otto Hirsch, Gustav’s brother.
I am sitting in the garden with Mrs Kaufmann.  She is sewing and I am writing.  Today we have great summer weather.  How is the weather at your place?
I am planning to go see the Levy’s in Mainz from Samstag till Sonntag.  Erwin Kaufmann has already become quite American and writes well.  So is Manfred from Eretz.  Last Sunday we were very busy. Frankfurt- Mainz 3 - 5, with Siegfried.  Aunt Selma told us that Heini Hirsch travels for a Jewish newspaper in Louisville and makes quite good money with it.  Yesterday I had English and learned all the names of vegetables.  I will end for now as my wisdom is also finished.  Give my greetings to all, dear Martin and warm kisses and greetings to you from your Sister Hede.

Dear Martin,
Since it is too hot, I will use the time to schmooze with you a little.  We received a card from Aunt Hans, she was quite busy with moving upstairs; she also worries a lot about Albert; it all progresses so slowly; a whole lot of people struggle the same way as Albert, we don’t know where – everybody has their own great worry; many are burned out. One is happy to have stayed at home.  Johanna Kahn was here this week and said the same. Sig and Rosel wrote they requested permission for Buenos Aires; it makes me terribly anxious to think that all my relatives and acquaintances will be gone. If you are able to respond to my questions regarding your work, write to the Kaufmanns.  Iknow you have been unemployed and hope meanwhile you got something proper – where do you work?
Aunt Hilda wrote, Berthel has also got nothing yet.
I know Mrs Michel through Sommerfeld; I was at their wedding with Mr and ????
How is the new flat?  Who keeps it tidy?
We’ll have no fruits, all froze, maybe some gooseberries and currants, but not much, 5 cherries on the trees – it is for the sparrows, they want to have some, too.
Take care, write more often, that is our sunshine.  Warm greetings Joh. Kossmann.

Insert on top:
Re: furniture: ask Hilde about it.  I went to see Kahn and Frieda was happy.  Greetings to Karl.

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