Firmenbriefkopf Nr. 93 Gross-Gerau, den 7. Juni 1938


Lieber Martin

Für diese Woche habe noch keine Nachricht von dir, und hoffe ich, dass morgen oder übermorgen Bf. von dir eintrifft. Obgleich sich über die Feiertage gar nichts von Bedeutung ereignet hat, will dich doch nicht auf Nachricht warten lassen. Wir waren über die Feiertage zu Hause und eifrig zum Gottesdienst gegangen und abwechselnd Romé gespielt; auch als mal von den schönen Pfingstausflügen, die vor Jahren des öfteren mit dir gemacht hatten, gesprochen und Erinnerungen ausgetauscht.

Von den Frankfurtern und Mainzern habe nichts gehört und werden sie jedenfalls auch zuhause gewesen sein.

Frau August Hirsch hat in letzter zeit schon öfter hierher geschrieben; sie wollte den Vorhang, den sie vor Jahren der Synagoge stiftete nach America geschickt haben. Wenn du zu ihr kommst, kannst du ihr sagen, dass sich die hiesige Gemeinde ja vorerst nicht auflöst. Sollte es aber mal so weit kommen, so muss dies durch das Rabinat gehen und dies muss erst die Genehmigung beim Kreisamt einholen. Dies hat mir heute Dr. Bienheim gesagt, der heute eine Beerdigung von einem Herrn Löb von Griesheim hier hatte. Er liess sich auch deine Adresse von mir geben; wenn er mal auswandern muss, will er überall Fühlung nehmen, wenn du ihm auch nicht helfen kannst; er wird dir schon mal schreiben.

In Erwartung baldigst Nachricht von dir zu bekommen, küsst dich herzl. dein Vater.


Lieber Martin!

diesmal warten wieder vergebens auf Bericht von dir - wir in der Einsamkeit; darfst öfter schreiben.

Wie Tante Hilda heute schrieb, ist Berthel gut angekommen und wird vorerst bei Alice wohnen für 4.50 D(ollar) die Woche; das muss ich sagen, die Kinder von Tante Hilda schreiben sehr pünktlich.

Hede sieht mit ihren neuen Sommerkleidern fein aus, hat sie an Jomtof angehabt und sich stolz gemacht.

Vater hat vorige Woche die Brettner angerufen, beide sind sehr gedrückt. Tante will nächstens auf einige Stunden kommen.

Unser Gärtchen floriert wieder fein. Herr Kaufmnan hilft tüchtig mit, um es so schön wie möglich zu machen; es ist gut, dass K(aufmanns) bei uns wohnen, so haben jemand um uns. Für heute die herzl. Grüsse; schreibe bald Joh. Kossmann


dazwischen:

Lieber Martin, sei für heute recht herzlichst geküsst von deiner Schwester Hede. Familie Kaufmann lässt dich grüssen.


Dear Martin,

I have not received any news from you this week as of yet and hope that tomorrow or the day after you letter arrives.  Although during the holiday nothing special happened, I don’t want to make you wait for news from us.  During the holidays we stayed at home, diligently attended the synagogue or played Rommy; we also remembered the beautiful Pentecost trips that we often used to undertake with you years ago; we talked a lot about these.
Have not heard anything from the people in Frankfurt and Mainz – I guess they stayed at home as well.
Mrs. August Hirsch wrote to us several times: she wanted to have the curtains that she had donated to the synagogue to be sent to America. If you see her, tell her, that for the time being the local community will not be dissolved.  But should it come to that, this matter must go through the Rabbinical office and they have to get permission from the District office. This is what I was told by Dr. Bienheim who was here at the funeral of a Mr Löb from Griesheim.  He had also asked for your address; if he has to emigrate, he wants to have contacts, if you could also help him, he would write you as well.
Expecting news from you soon, warm kisses, your Father.

Dear Martin,

We have been waiting for news from you in vain this time – we in the loneliness; you may writer more often.  As Aunt Hilda wrote today, Berthel successfully arrived and would stay with Alice for 4.50 dollars/week; I must say the children of Aunt Hilda write very much on time.  Hede looks great in her summer dresses; she had them on for Jomtof [holiday] and was rather proud.
Fathe called the people from Bretten last week; they are very depressed.  Auntie will visit us for a few hours.
Our small garden blooms nicely again.  Mr Kaufmann helps quite a lot to make it beautiful.  It is good that the Kaufmann’s stay in our house, so we have at least somebody around.  Warm greetings, write soon, Joh. Kossmann.

In between:
Dear Martin, warm kisses from your sister Hede; The Kaufmann family send the

Comments