Firmenbriefkopf Nr. 87 Groß-Gerau, 20. 4. 1938


Lieber Martin

Wie aus deinen Zeilen entnehme, geht es dir gut und kann ich G.(ott)L.(ob) auch von uns hier berichten. Die Feiertage sind fast herum und die Mazzekost überstanden, hast du auch Mazze bekommen?

Bertel und Gemahl waren am Montag bei uns und ist Walther ein sehr netter Mensch. Bertel kommt morgen nochmals hierher und will sich von ihren Eltern und uns verabschieden; da sie am 18.Mai über Holland abreist. Walter wird folgen, sobald Bertel Fuss gefasst hat. Seine Bürgschaft sei unterwegs. Alex will nächste Woche nach München auf Tour gehen und wird Hilda jedenfalls bis zu seiner Rückkehr hier bleiben.

Um auf deinem Schlusssatz in letzten Bf. zurückzukommen „l. schonoh“ habe in Chicago, weiß ich nicht , wie du dir das vorstellst; Du weißt doch, dass ich kein Geld mitnehmen kann und Dein Einkommen ist doch nicht so, dass wir alle damit leben können. Und

halte ich es doch für besser, wenn wir noch hier bleiben und unser Geld erst hier aufbrauchen, vielleicht bist du bis dahin in der Lage, uns aufzunehmen. Du weißt doch, dass ich heute nicht mehr so viel leisten kann.

Ich halte es vielleicht für gut, wenn du dich öfters mit Onkel Max (Herz) unterhältst, ob du dich mit seiner Hilfe nicht selbständig machen kannst und du dadurch eher Gelegenheit hast, was mehr zu verdienen. Oder evtl. mit Saly (Nachmann?)! Ich kann dies ja von hier aus nicht beurteilen, denn von deinem Gehalt, den du jetzt hast, kannst und sollst auch nichts zurücklegen. Aber deshalb sollst du doch nicht eher unreines Wasser ausschütten, bevor du reines hast!

Deine Schuhe gebe Gutmanns Kindern mit.

Der Schwager von Franz Scherer schrieb diese Woche, dass er in der Lage sei, schon jetzt zu zahlen. Ich soll ihm mitteilen, was ich nachlassen würde, worauf ihm antwortete, das ihm die Zinsen on 1/I-3/10 nachlasse, wenn er bis 30. IV. zahlt. Jetzt will ich abwarten, was wer schreibt; der glaubt vielleicht, ich würde ihm einige Hundert nachlassen, wozu aber keine Lust habe, zumal dieser Ausstand gut gesichert ist.

Sonst weiss nichts für heute. Sei herzl. geküsst von d. Vater.

Herzliche Grüße deine Schwester Hede.

Frau Kossmann beschriftet den Rand und und das Ende auf der 1. Seite.

Wir hatten viel Besuch und war das Haus voll. Am Sonntag die 5 Frankfurter und Montag Berthels Mann, ein netter Mensch, ruhig und gediegen. B.(erthel) fährt m. dem Dampfer „Staatendam“, er soll in 7 Tagen die Überfahrt machen.

Wir haben sehr kalt und sind die Blüten bald alle abgefroren. War mit Vater auf dem Acker.

Mit Trude Marxsohn soll alles nicht wahr sein, sie sei mit dem Mann sehr vergnügt, so wird eben erzählt. Sonst ist alles in Ordnung und erwarten von Dir guten Bericht. Mit herzl. Grüssen Joh. Kossmann.


Dear Martin, As I can tell from your lines, you are doing great which I can report, thank God, about us as well.  The Holidays are almost over and we survived the matzo diet; Did you too get matzo?
Bertel and spouse visited us Monday; Walter is a very nice man. Bertel will come again tomorrow to say her good byes to her parents and us; She is leaving via Holland on May 18.  Walter will follow as soon as Bertel has got established.  His affidavit should be in the mail. Alex will go to Munich next week and Hilda will stay with us until he returns.
Tospond to the closing line in your last letter: “I schonoh” (???) in Chicago; no idea how you can think that; you know that I cannot take money with me and your income is not enough to support all of us.  I think it is better if we stay here, use up our money while you might improve your situation until then to take us all in.  You know I cannot work so hard anymore.  I think it would be good if you talked to Uncle Max Herz more often; perhaps you could make yourself independent, with his help, and then have the opportunity to earn more.  Or perhaps with Sally Nachmann; I cannot judge it from here; for sure, with the income you earn now you cannot and should not put aside anything.  But, this is precisely why you should not pour out the baby with the bathwater!
Gutmann’s children will take your shoes to you.  The brother-in-law of Franz Scherer wrote this week that he could pay already now. I should tell him what I can let him have; I responded that I will let him keep the interest from 1/I-3/10, if he pays by April 30.  Now he wants to wait and see who writes him what; perhaps he thinks I would let him keep several hundred; but I do not feel like doing that, as this money is well secured.
Otherwise I have nothing new.  Warm kisses from your Father.
Warm greetings from your sister Hede.
Mrs. Kossmann writes on the margins: We had lots of visitors; the house was full. Sunday the five from Frankfurt, Monday Berthel’s new husband, a nice quiet and upright man. Berthel goes with the steamer “Staatendam”; he will go after 7 days.
It is very cold here and the blooms will all freeze. I went to the fields with Father. The rumor about Trude Marxsohn was not true, she is very happy with her man we are told.
Otherwise everything is alright and we expect good news from you as well.
Warm greetings, Joh. Kossmann.

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