Stempel: Emil Marx; handschr. „die neue Firma auch im Telefon-Buch“

Firmenbriefkopf Nr. 86 Groß-Gerau, 8. April 1938

Lieber Martin

Nach 22 Tagen traf endlich heute dein Bf. Nr.85 vom 28. März ein, was nicht recht von dir ist; ob du Nachricht von hier hast, oder nicht, so ist es deine verdammte Pflicht jede Woche an deinen alten Vater zu schreiben und wenn es nur ein Karte ist; du kannst dir nicht denken, in welcher Aufregung wir alle waren. Ich hatte diese Woche an Kahns telephoniert, ob Karl von dir schrieb und wenn heut nichts gekommen wäre, so hätte telegraphiert. Ich will nun hoffen, dass dies nicht mehr vorkommt.

Wie ich aus deinen Zeilen entnahm, geht es dir gut, was mich sehr freut und kann G.(ott)s.(ei) D.(ank) Gleiches von uns allen hier berichten.

Deinen Rat, von hier weg zu gehen, kann ich vorerst nicht befolgen, da ich nicht die Absicht habe, mein Haus zu verkaufen; sollte ich es jedoch so vermieten können, dass in Frankfurt eine 4-Zimmerwohnung dafür bekommen kann, dann würde mich eher dazu entschliessen können; aber vorerst eile nicht so; ich möchte den Sommer über noch im Garten Obst essen; so was kommt mal über Nacht.

Die Sache von Trude Marxsohn hat man schon vor Wochen hier gehört, dann hiess es wieder als wenn es nicht so sei.

Gestern hatte Berthel Trauung und wird sie Ende Mai gehen. Wenn sie Fuß gefasst hat, will sie ihren Mann anfordern. Nächste Woche kommen ja alle nach hier und werden wir Näheres hören.

Max Levy fuhr am Dienstag nach Hamburg, um sich von denselben zu verabschieden, da sie in 5 Wochen abreisen; er hat sich auch dorten erkundigt, was er seinen Kindern mitschicken kann. Selma geht dann vor ihrer Abreise auch noch mal hin. Die Mainzer haben von ihren Kindern sehr gute Nachricht.

Gestern war Heini Hirsch hier, der für en 4. Mai nach Stuttgart bestellt ist und hofft, mit seinen Schwiegereltern schon fahren zu können. Für den ist es nicht so leicht, er muss sich seine Kleider, Wäsche, Fahrgeld und alles, was er braucht, zusammenschnorren; er hat es schwerer wie du. Natürlich hat er mich auch nicht verschont: aber mache keinen Gebrauch hiervon und behalte dies für dich!

Grüsse all Bekannten und Verwandten von mir und sei du recht herzl. geküsst von deinem Vater.

Lieber Martin!

Ich möchte dich bitten, regelmässig zu schreiben, denn unsere Aufregung war bei uns allen keine kleine. Denn das Leben ist schwer und über alles sorgt man sich. Man wird durch die Zeiten alt und zermürbt. Ich hoffe, dass (wir) gegen Pfingsten mal 14 Tage uns erholen wollen, haben es nötig, aber müssen uns erkundigen, wohin? Unser Haus wird voll über Ostern, sonst wären zu Sether zu Salmon´s nach F(rankfurt) gefahren. Die fühlen sich recht wohl. Dienstag war Job hier und hat verschiedenes für Vater geschrieben. Wir hatten eine sehr bewegte Woche.

Siegfried Oppenheimer rundum an allen Rändern war auch hier; jeden Tag schon Gäste zum essen. Vater hat den Brautausstattung Verein zu erledigen und ich den Frauen Unterstützung Verein. Von Bretten hören wenig?; es ist traurig dort; aber bei uns spielen Familien. Schreib bald. Herzl. Grüsse Joh. Kossmann.

Im Briefkopf: Das Bildchen ist gut, freuten uns sehr damit., gell, man kann Kartoffelsalat mit Zwiebel essen!


Handwritten: the new company, also in the telephone book.

Dear Martin,
After 22 days, your letter No 85 of March 28 has finally arrived, which was not very nice of you; whether or not you get any news from us, it is your damned duty to write to your old father every week, even if it is only a card.  You cannot begin to imagine how upset we all were.  I even called the Kahn’s this week to ask if Karl has heard from you and had I not got anything this week, I would have sent a telegram. I very much hope this will not happen again.  As I can tell from your letter, you are doing well, which makes me happy, and thank God, I can tell the same about us.  I cannot follow your advice to leave here right now, as I do not plan to sell my house;   if I manage to find people to rent it so that I in turn can rent a 4 room apartment in Frankfurt, I would be more inclined to do so; but I am not in a hurry; I still would like to eat the fruits from my garden this summer; so, I will sleep on it first.
We have heard about the issue with Trude Marxsohn weeks ago, then again that it was not so.
Berthel has got married yesterday and she will leave the end of May.  As soon as she got established, she will get her husband to follow her.  Next week they’ll all come to us and then we’ll know more.
Max Levy drove to Hamburg to say his good byes, for they are leaving in 5 weeks.  He also inquired there what he can send to his children. Selma will go there also before they leave.  The folks from Mainz have very good news about their children.
Heini Hirsch visited us yesterday; he has his appointment in Stuttgart on May 4 and he hopes to be able to leave with his in-laws. It is not that easy for them; they have to get clothes, linen, travel costs and everything together yet; his case is much more difficult than yours has been.  Of course, he had asked me for help as well; but please don’t know about this and keep it for yourself.  Greetings to all and warm kisses to you from your Father.
Dear Martin,
I’d like to ask you to write to us regularly, as we were all terribly upset. Life is difficult, and we get nervous about everything.  These times make us all old and worn out. We hope to get away for two weeks around Pentecost to recover, but where to go? Our house will be full during Easter, otherwise we’d go to Salmon’s to Frankfurt for Seder.  They are doing quite well there. Job was here on Tuesday and did some paperwork for Father.  We had quite a busy week.  Siegfried Oppenheimer around the edges was also here; every day we had guests.  Father had to deal with the association of brides, and I with the association for women’s support.  We do not hear much from Bretten; it is sad over there.  But here, we have family.  Write soon. Greetings, Joh. Kossmann.
In the letterhead: The picture was great, we loved it. You see, one can eat potato salad with onions!

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