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Groß-Gerau, d. 20. 2. 1938

Lieber Martin!

Ich hoffe, daß es dir gut geht, was ich von mir auch berichten kann. Gestern Abend war ich mit Ruth in Mainz bei einem Sportabend vom RYF. Es wurde vorgeturnt u. getanzt. Es waren verschiedene Herrn aus Mannheim zu Gaste, welche mit geturnt hatten. Der eine war deutscher Weltbarren Meister. Es war wirklich ein sehr gemütlicher Sportabend. Anschliesend gingen wir alle ins Kaffee Goldschmid, wo ein gemütliches Beisammensein mit Tanz mit Gramo(phon)musik statt fand. Onkel Max und Tante Selma waren auch da. Gegen 2 Uhr ging ich zu Levys zum Übernachten. Ruth ging zu einer Freundin.

Ich fahre nun jede Woche ein Mal nach Darmstadt in die engl. Stunde zu Frl. Kätsch.

Nun ist Kahns Geschäft auch übergegangen; heute hat Heins Süß Hochzeit. Nächste Woche ist Eröffnung.

Es ist möglich, daß ich demnächst auf einige Tage nach Mainz fahre, da mich Tante Selma eingeladen hat. Ich hoffe, daß es Vater erlaubt.

Ich wollte, Vater würde sich bald entschliesen, in die Stadt zu ziehen. Da es für mich bedeutend angenehmer ist.

Was arbeitest Du zur Zeit im Geschäft? Bist du noch bei derselben Firma?

Tante Selma sagte mir, Änne und Max seien gans(z) zufrieden mit ihrem neuen Einheitspreisgeschäft.

Im Laufe der Woche haben die Niersteiner die Absicht, uns zu besuchen. Irene Straus von Dreieichenhein hat sich nach Bones Aires verlobt.

Hast Du recht Fasching gefeiert? Es kann sein, daß ich mit Ruth am Fasching Montag auf ihren Schlußball nach Wiesbaden mit fahre. Nun, lieber Martin, werde ich schliesen, da ich nichts mehr zu berichten habe.

Grüß mir bitte alle Bekandte und die Freunde von Gerau. Bei Dir sind bald mehr Groß-Gerauer wie hier.

Nun muß ich schliesen, da der Brief noch weg soll. Am 1. April hat Sigmund Mayer aus Worms seinen 60. Geburtstag. Denke bitte dran. Vater schenkt ihm ein Taghemd.

Nun bleib weiter gesund und schreibe jede Woche wenigstens ein Mal. Diese Woche waren wir leider ohne Nachricht? War etwas Besonderes bei dir?

Jetzt kommen Familie S.(alomon) M.(arx) mit Gefolge, deshalb will ich schliesen. Sei für heute nochmals recht herzlichst gegrüßt u. geküßt von Deiner Schwester Hede.



Dear Martin,
Hope you are well.  I am well, too. Last night Ruth and I went to Mainz to attend an evening of sports by the RYF.  There were gymnastics and dancing performances. There were some men from Mannheim who also did gymnastics. One of them was a German champion on the bar.  It was really a great sport event.  Afterwards we all went to the Café Goldschmid where we had a gemütlich get together and danced to Gramophone music.  Uncle Max and Aunt Selma were there too. We left around 2 and went to the Levy’s to stay overnight.  Ruth stayed with a girlfriend.  I now go every week to Darmstadt for English class with Miss Kätsch. 
The Kahn’s business is now also gone. Heins Süß is getting married today.  Next week is the opening. I might go to Mainz for a few days as Aunt Selma had invited me.  Hope Father lets me go.  
I wish Father would make up his mind soon about moving into the city.  Hat would be much more pleasant for me.  What are your tasks in the shop these days?  Are you still with the same company?
Aunt Selma saif Anne and Max are quite content with their new low price store.  The Niersteins are planning to visit us during this week.  Irene Straus of Dreieichenhein is now engaged in Buenos Aires.
Have you celebrated carnival? Maybe I will go to Wiesbaden with Ruth to her closing ball on Carnival Monday [Rosenmontag].  I shall close now, dear Martin, for I have nothing else to report.  Say hello to All there from Gerau.  Soon you will have more people there from GG than we here.  I should stop now because the letter must go. Sigmund Mayer of Worms will be 60 on April 1.  Please don’t forget.  Father will give him a shirt as a present.
Stay healthy and write at least once every week. This week we had no news from you. has anything special happened?
Now the Salomon family with entourage is arriving, so I must stop.  Warm greetings and kisses from your Sister Hede.

credit: bg
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