Firmenbriefkopf Nr. 77 Gross-Gerau, den 24. Jan. 1938

Lieber Martin!

Bestätige den Empfang von Nr. 76 und wie immer haben uns sehr damit gefreut und fragst, wie weit ich mit meiner Auswanderung bin. Bis jetzt habe ich nur eine Bescheinigung von der Bürgermeisterei, dass keine Steuerrückstände habe. Dann habe (ich) meine Vermögensaufstellung in doppelter Ausfertigung dem Finanzamt eingereicht, die (= das) dieselbe prüft und mit Sichtvermerk versehen an mich zurück gibt zur Weitergabe an die Devisenstelle. Dann wird von mir die Sicherheitsleistung angefordert und nachdem dies gestellt habe, bekomme meine Unbedenklichkeits-bescheinigung Dann muss noch zur Beratungsstelle für Auswanderer nach Frankfurt, die auch ihre Genehmigung erteilen muss und wenn dies alles geschehen, kann meinen Pass beim Kreisamt beantragen.

Wegen der Bürgschaft schreibe dir noch, vorerst brauchst du nichts zu unternehmen. Ein gutes Ding muss Weile haben.

Heute Abend erwarten wir Berthel von Stuttgart und hoffe, dass alles geklappt hat. Gestern haben wir mit Herrn Flörsheimer einen 3-stündigen Spaziergang in den Wald gemacht. Heute bekamen sie drüben Bf. von Salli und schrieb er, dass Karl Kahn bei ihm war. Sonst weiss Nichts Neues und sei du noch recht herzlich geküsst von deinem Vater


Lieber Martin

Ich möchte doch mal wissen, ob dich die hiesigen Leute, (also unser Leute), noch weiter interessieren. Lebst Du noch so mit uns?

Hier hat sich eigentlich nichts ereignet, die Tage vergehen still und ruhig. Ein(er) wie der andere. Drüben sorgen schon für ihren Umzug.

Ich hatte diese Woche Brief von m.(einer) Schwester Gina; diese schrieb mir im Auftrage von Bella, was für dich vielleicht von Nutzen sein könnte. Hermann Marx in Chicago hatte eine feine Stelle in einer Firma Strauss, da er sich mit einem andern Mädchen verlobte (denn der Herr wollte ihm seine Nichte geben) hat man ihn entlassen; er verdiente schönes Geld und denkt Bella, dass Du Dich darum bewerben sollst. Es darf aber kein Mensch davon etwas wissen. Denn der Bruder von Philipp schrieb an ihn, dass ich nichts davon erfahren soll, damit Du es nicht hörst; wenn es Dir möglich ist, in Erfahrung zu bringen, was genau damit zusammenhängt; und Bella und Gina hätten für dich gerne, dass Du in eine gut bezahlte Stelle kämst. Herman verdient heute noch nicht die Hälfte von seiner anderen Stelle. Probiere Dein Glück! - aber es bleibt unter uns! Vater hat auch den Brief gelesen und ist im Bild.

Was das Kind von Albert betrifft, denkt Vater, dass (sie) es gerne adoptieren lassen. Tante hofft durch den Vetter, dass es ihm für Albert gelingt; sonst wissen weiter nichts von den selben. Wollen sehen, was Berthel später erzählt! Fritz Rosenberg, der Junge von Betty, fährt diese Woche nach Stuttgart, dann kommt auch fort. Erich Kaufmann bekommt auch keine Bürgschaft. Herzl. Grüsse bleibe gesund und Hede lässt grüßen von Joh. Kossmann.


Dear Martin,
We have got your No 76 letter which made us very happy, and you're asking how far along I am with my emigration. Up to now I only have a certificate from City Hall that I have paid all my taxes. Then I submitted my list of properties to the tax office in duplicate; they will check it and approve it and then I will get it back to bring it to the exchange office. Then I have to pay a security deposit and after that they will give me a clearance certificate. Then I have to go to the office in Frankfurt for an advisory session; they will have to give me the permission which, when everything is done, I take to request a pass at the district office.
I will write you about the sponsorship when it is time, you do not need to do anything now.  Good things come slowly. Tonight we expect Berthel from Stuttgart and hope all went well with her. We had a 3 hours long walk with Herr Flörsheimer in the forest. They received a letter from Salli today who wrote that Karl Kahn was with him. Otherwise there is nothing new. Warm kisses from your Father.

Dear Martin,

I would like to know if you are still interested in learning about the people who live here.  Are you still one of us?
With us there is nothing new, the days pass calmly, one after the other. They over there worry about their move.
I’ve got a letter from my sister Gina this week. She wrote me on behalf of Bella which might be useful for you as well. Herrmann Marx in Chicago had a great job at the Strauss firm; but as he got engaged with another girl (the owner expected him to marry his niece) they let him go. He earned good money there and Bella says you should apply for that job there. Nobody should know about it, of course. Philipp’s brother wrote to him not to tell me about it, so you won’t learn about it; try to find out what that was all about; Bella and Gina surely want you to have a well-paid job. Hermann does not even get half of what he earned at the other job. Try your luck! – But tell no one. Father read the letter too and so he is in the know.
Father thinks they would like to let Albert’s child be adopted. The aunt hopes that the cousin will help Albert. Otherwise we know nothing from them. Will see what Berthel tells us later. Fritz Rosenberg, Betty’s son goes to Stuttgart this week; then he is gone too.
Eric Kaufmann has no sponsorship either. Warm greetings; stay healthy; Hede sends her greetings, Johanna Kossmann.

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