around January 13, 1938




13. 1. 1938

Lieber Martin!


Dein liebes Weihnachtskärtchen habe ich erhalten und habe mich wirklich riesig damit gefreut. Leider muß ich Dir mitteilen, daß nun keine engli(s)che Stunde hier mehr stadtfindet. Es tut mir wirklich sehr leid, da hier sowenig Beteiligung ist, fällt dieselbe aus. Ich hoffe, daß sich Vater in D(armstadt) einmal erkundigen wird. Es wäre mir sehr lieb, wenn Du in Deinem nächsten Brief etwas davon erwähnen würdest!

Ich denke, daß meine Behandlung bei Dr. Seligmann in F.(rankfurt) nächste Woche beendet ist. Die Behandlung hat schon ihre Wirkung, da ich schon 6 Pfund zugenommen habe und 102 (Pfund) wiege. Familie Max Guthmann hat auch ihre Wohnung gekündigt, ebenso Familie Kaufmann. Familie Guthmann im Burggraben rüsten feste zur Auswanderung.

Hast Du nicht einmal nach Milwauki geschrieben? Ich würde einmal an Deiner Stelle hinschreiben; es könnte für dich eventuell ein Vorteil sein.

Mit Ruth war ich nicht in Wiesbaden. Da ich einen vereiderten (=vereiterten) Zeh am Fuß gehabt habe.

Familie Sally Blum aus Bodenheim ziehen am ersten März nach Wiesbaden. Hast Du, lieber Martin, schon etwas von deinem Ischias gespürt?

Leider haben die Bekandte von Tante Selma deine Schlittschuhe nicht mitnehmen können. Hoffentlich wird sich bald mal wieder eine Gelegenheit finden zum schicken.

Nun, lieber Martin, ist meine Wochenschau beendet. Nun bleibe weiter gesund und esse richtig, daß Du zu Kräften kommst. Und grüß mir bitte alle Bekandte, welche in meiner Karte geschrieben haben. Ebenso Familie August Hirsch. Kommst Du eigentlich noch zu Ihnen?

Nun, lieber Martin, sei für Heute recht herzlich gegrüßt und geküßt von Deiner Schwester Hede.

Hoffentlich machst Du keine 14 tägige Pause mehr mit Deinem nach Hause schreiben, Du mußt Dir vorsagen: Zuerst kommt Vater schreiben. Dann das Vergnügen! Was macht Euer Geschäft? Denk Dir, Vater und Frau K .(ossmann) wollen Schreibmaschine schreiben lernen. Dasselbe haben sie neulich unter sich abgesprochen. ob es Ernst wird, weis ich noch nicht.

Hast Du schon etwas gehört, ob Herr Rheis Egelsbach schon in Schikago ist? Und nun mach ich wirklich Schluß und sende Dir, lieber Martin, einen festen Gruß und Kuß von Deiner Schwester Hede.


January 13, 1938

Dear Martin,
I received your sweet little Christmas card and it made me extremely happy. I am afraid I must tell you that we will have no more English classes here. I am really sad about it, but it was cancelled because of the poor attendance. I hope Father will ask about it in Darmstadt. It would be great if you could mention this in your next letter.
I think my treatment by Dr. Seligmann in Frankfurt will be finished next week. It has surely worked as I have already gained 6 pounds and now weigh 102 pounds. The Guthmann family has also given up their apartment, as well as the Kaufmann family. The Guthmann family from Burggraben are preparing for emigration. Have you still not written to Milwaukee? If I were you, I would do so; it could eventually help you.
I did not go to Wiesbaden with Ruth. I had an infection on my toe.
Sally Blum’s family of Bodenheim are moving to Wiesbaden March 1. Have you had a sciatica attack yet, dear Martin?
Unfortunately Aunt Selma’s acquaintances could not take your skates with them. Hopefully we will have another opportunity to send them. Well, my weekly report has come to an end, dear Martin. Stay healthy, eat right to get your strength. And give my greetings to all who signed the card for me. Also August Hirsch’ family. Do you ever visit them? Warm greetings and kisses from your sister Hede.

Hopefully you will never again take a 14 day break in your writing home. You have to tell yourself: First write to Father! Then you can have fun. How is your job going? Imagine, father and Frau Kossmann want to learn typing. At least they were recently talking about it, no idea yet if it will ever happen.
Have you heard whether Mr. Rheis Egelsbach is already in Chicago?  And now I will really stop and here is a solid greeting and kiss from your sister Hede.

credit: bg
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