Firmenbriefkopf Nr. 73 Gross-Gerau, den 27. 12. 1937


Lieber Martin.

Deinen Neujahrsbrief Nr. 72 erhalten und freue ich mich, nur Gutes daraus zu entnehmen und danke dir für deine guten Wünsche; hoffentlich gehen sie auch in Erfüllung! - und dir wünsche ich auch, dass du im neuen Jahr gesund bleibst und hoffentlich auch Deine Stelle im Geschäft behalten kannst und weitere Fortschritte darin machst.

Die Feiertage sind bei uns gut vorüber gegangen, die Wormser sind gestern Abend wieder abgereist, und Onkel Joseph bleibt für diese Woche noch bei uns und geht dann für einige Tage nach Bodenheim bis Tante Hans von Paris zurückkommt, bis 4. Oder 5. Januar. Du wirst dir wohl die Freude von Erna und Rudo vorstellen können, als sie ihre Mutter sahen.

An Neuigkeiten hat sich seit meinem letzten Bf. nichts ereignet und geht eben ein Tag wie der andere mit Faulenzen und Abends mit Kartenspielen herum.

Wenn jetzt Salomons weg sind, wird wohl keinen Scat mehr spielen, aber auch damit werde mich abfinden; übrigens habe fast 50 Jahre Scat gespielt, das ist auch lange genug und doch lernt man nie aus.

Im Laufe dieser Woche, hoffe die Erbschaft von Tante Hannchen noch erledigen zu können, was alles nicht so schnell geht, bis alles von der Devisenstelle genehmigt ist und vom Gericht alle Formalitäten erfüllt sind.

Ich wünsche dir und allen Bekannten und Verwandten ein glückliches Neues Jahr und einen herzhaften Kuss empfange noch von deinem Vater.

Rechter Rand Hede lässt grüßen.


Lieber Martin

Recht herzlichen dank für die guten wünsche, wir wollen alle das beste hoffen, hoffen, dass das Jahr 38 besser ausfällt als man denkt. Wir waren gemütlich die Christmastage zusammen; ob jemand zu meinem Geburtstag kommt ausser von hier, weiss nicht. Nach Neujahr herrscht bei Salmons Hochbetrieb; (sie) wollen versch.(iedenes) verkaufen und Hanna und Else sagen, dann fangen an; bis zum 1.April können wohnen bleiben; ich sage oft, wer kommt jetzt dran.

Vorigen Mittwoch war bei Tante Selma, (sie) freute sich und es war so gemütlich; aber, als nach Hause fuhr, holte Vater mich an der Bahn ab, hatten furchtbares Glatteis, überhaupt ist das Wetter sehr schlecht. Am Samstag wurde Erwin Kaufmann Barmitzweh, hat 3 Basche´s und die Haftara gesagt und noch eine sehr schöne Ansprache; der Junge ist sehr klug und der beste Schüler.

Heute hatte Onkel Joseph Nachricht: Erna geht es besser; na, die Mutter wird sie jetzt pflegen. Jemand von de eignen Leuten bei sich zu haben, ist grosse Freude.

Was hast Du die Tage getrieben? Frieda Kahn erzählte, dass Karl 21 D(ollar) verdient und ist das nicht fein? Warst du schon lange nicht bei Hirsch´s? - gell die wohnen sehr weit? Ich muss Schluss machen, die Herrn haben Hunger und es giebt Fleisch Reste - Gans etc. p.p. Ida Hirsch sagt „Rückblicke“. Recht herzl. Grüsse auch für alle Bekannten von Johanna Kosssmann.


Briefkopf: Lieber Martin seit Freitag bin ich hier ...????..viele Grüße von Deinem Onkel Joseph.


No. 73 Gross-Gerau, Dec. 27, 1937

Dear Martin,

We received your New Year’s letter No 72 and I was happy to see that you had only good things to report and thank you for your good wishes; hopefully they will all be realized. And I wish you as well that you remain healthy in the new year and hopefully keep your job and can advance in it.
We had a good Holiday, the folks from Worms left yesterday. Uncle Joseph stays with us for this week then he goes to Bodenheim for a few days until Tante Hans returns from Paris, about January 4th or 5th. You can imagine the joy of Erna and Rudo as they saw their mother.

There is nothing new since my last letter; the days pass by with idling and playing cards in the evening. Once Salomon leaves there will be nobody left to play with; but I will get over that too. By the way, I have been playing cards for almost 50 years and still have not learned everything, even though that was a pretty long time. Over the course of this week, I hope to be done with Aunt Hannchen’s will, which isn't moving quickly. It takes time to get all the approvals from the currency office and complete all the legal formalities. I wish you and everybody else Happy New Year and loving kisses to you from your Father.

[Right hand side:] Hede says hello.

Dear Martin,

Thank you very much for your well wishes, we all want to hope for the best; let’s hope the year '38 will turn out better than we think. We spent pleasant Christmas days together. Whether anyone comes to my birthday (except from here), who can say. After New Year, it will be high season at Salomon's; they want to sell a few things and Hanna and Else say they will begin then with it; they can stay until April 1 in the house; I often ask myself who the next one will be. I was visiting Aunt Selma last Wednesday; she was so happy and it was so nice; but, on my way home, when Father picked me up at the station, we had terrible slippery icy roads, and in general the weather is horrible. Erwin Kaufmann had his bar mitzvah on Saturday, he recited 3 Bashes and the haftorah and also gave a very beautiful speech; the boy is very smart and the best pupil.
Uncle Joseph got news today that Erna is doing much better; now the mother will take care of her. It is so much better to have a family member doing that. What are you doing these days? Frieda Kahn told us that Karl makes 21 dollars now. Isn’t that great? It seems you have not seen the Hirsch family for a long time. They live too far, don’t they?   
I have to stop now – the men are hungry and we have leftovers – meat, goose, etc. Ida Hirsch calls them "mementos."
Warm greetings to all from Johanna Kossmann.

Letterhead: Dear Martin, I have been visiting here since Sunday, many greetings from your Uncle Joseph.

credit: bg
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