Firmenbriefkopf Nr. 71 Gross-Gerau, d. 13. December 1937


Lieber Martin wie aus deinen Zeilen sehe, hast du die Jontef bei Winters schön gefeiert. Zeigst du dich bei Tante Sophie auch als mal erkenntlich durch eine kl.(eine) Aufmerksamkeit? Wir haben diese Woche kein Jontef, müssen aber doch eine G(ans) essen. Jetzt wird an Weihnachten noch eine kommen und dann ist für diese Saison Schluss.

Am Samstag Mittag kam Tante Hans und fuhr am Sonntag früh wieder nach Hause. Die Leute sind ganz kopflos, und (sie) wollte sich Rat und Hilfe suchen, wegen A.(lbert). Sie sind ja auch zu sehr vom Unglück verfolgt. So musste Erna eine schwere Op(p)eration (Geschwür am Mastdarm) mitmachen; geht ihr aber G(ott) L.(ob) wieder besser. Hans fährt am 19ten nach Paris, um sie zu besuchen (für 14 Tage). Ich hoffe, dass Joseph solange zu uns kommt. Gib dir ja Mühe um A(lbert), denn wenn er auswandern kann, könnte er nach einigen Monaten freikommen.

Gestern waren wir in Mainz bei Levy's, wo es sehr gemütlich war und kamen gegen 12 Uhr nach Hause.

Heute hat Adolf Reinheimer B-(iebes)heim Mk 1600 bezahlt und sein Konto somit beglichen.

Letzte Woche liess dir ein Chokoladesendung ab Mainz und diese Woche etwas Nürnberg(er) Lebkuchen zu Weihnachten zugehen und will hoffen, dass sie dir schmecken; oder gibt´s die auch in A.(merika). Morgen reisen Rudolf Kahns ab.

Job und Else sind eben stark daran, ihr Haus zu verkaufen, haben wohl 2 Liebhaber , aber so glatt und so schnell geht dies doch nicht. Sie würden dann nach Frankfurt ziehen und später, sobald es ihnen möglich ist auswandern. Aber du brauchst in deinem Schreiben hiervon nichts zu erwähnen., solange es nicht perfect ist.

Harold Berger hat einen kl. Jungen bekommen, was wir gestern in Mainz hörten. Hast du eigentlich dein Geschenk von Irma schon empfangen?

Grüsse alle Verwandten und Bekannten und Karl Kahn extra und sei du noch herzl. geküsst v. d. Vater.

August Hirsch hat am 22. Dec. Geburtstag und lasse ihm herzl. gratulieren und wünsche ihm alles Gute.


L. Martin! Das war schade, dass Du Rudi nicht sprechen konntest; seine alten Freunde spricht man gerne. Heute waren die Monsheimer da , um von Tante Hannchen ihr Erbteil zu holen. Ich bin froh, wenn alles erledigt ist, aber es dauert immer noch einige Tage! Glaube mir, wir haben furchtbar mit Tante Hans gefühlt! Es ist auch zu schwere Sorge. wenn es möglich ist bei A.(lbert?) und erkundige Dich, ob drüben nicht jemand das Töchterchen aufnimmt, denn vom Hilfsverein aus werden(= wird) erst vom 8ten Lebensjahr (an) für Kinderverschickung gesorgt.

Erna kommt heute aus dem Krankenhaus.

Gestern war Johanna Oppenheimer und Hede da, haben sich verabschiedet gehen nach France. Deiner Cousine Berthel Oppenheimer in B. Aires geht es nicht gut; ihr Mann hat noch keine Arbeit und dessen Bruder bekümmert sich nicht um ihn. Sind alles Sorgen für Tante und Onkel . Was treibst (du) Weihnachten, (ich) denke, dass die Wormser kommen; in Eile grüsse Dich Joh. Kossmann.

Briefkopf: Wenn du irgend eine Anfrage wegen Albert bekommst, Tante (Hans) hat deine Adresse (an) Vetter Louis in U.S.A. als Verwandten angegeben; es handelt sich vom Hilfsverein zur Auswanderung.


Zusatz: Herzl. Grüße Hede.


No. 71 Gross-Gerau, December 13th, 1937

Dear Martin,
As I can tell from your letter, you have had a great time at the Winter Jontef (Hanukkah holiday). Do you occasionally visit Aunt Sophie?  We do not have a holiday this week, but still we want to eat a goose.  We’ll have another for Christmas and then that’s it.
Aunt Hans came over Saturday but then she left Sunday morning again. They are losing their mind and she wanted to ask for our help because of Albert. They are not having much luck, indeed. Erna had a difficult surgery (rectal tumor); thank God she is doing well; Hans is going to Paris on the 19th to visit her for 14 days; hope meanwhile Joseph will stay with us. Do something about Albert, for if he could emigrate he could become free in a few months.
Yesterday we visited the Levys in Mainz; it was so pleasant there, we only returned home around 12.
Tonight Adolf Reinheimer of B-(iebes)heim has paid off his debt of 1600 marks. Last week I sent you some chocolate from Mainz and this week Nürnberg(er) Lebkuchen for Christmas, hope you like them; or, do you have these in America as well? Rudolf Kahn is leaving tomorrow.
Job and Else work on selling their house; they have two potential buyers, but it just does not work so fast. Then they would move to Frankfurt, and after that, if possible, emigrate.  But do not mention this in your letters until it is all worked out. Harold Berger’s wife had a boy as we heard from Mainz yesterday. Have you already received your present from Irma?
Say hello to all, especially to Karl Kahn, and warm kisses to you from your Father. 
August Hirsch has a birthday on Dec 22; please wish him happy birthday and all the best from me. 

Dear Martin,
What a pity that you could not chat with Rudi; it is always good to meet old friends. The Monsheimers were here today to get their inheritance from Aunt Hannchen. I’ll be so glad when all this is over, but that will still take some time. Believe me, we were terribly sorry about Tante Hans! It is a terrible tragedy. If it is at all possible, please ask about Albert’s little daughter, if someone over there could take her, because the Aid Society only takes care of sending children abroad from the age of 8.
Erna is leaving the hospital today.
Yesterday Johanna Oppenheimer and Hede were there to say their farewells, they are going to France. Your Cousin Berthel Oppenheimer is not doing so well in B. Aires: her husband still does not have a job, and his brother is not helping him. These are adding to the worries of Aunt and Uncle.  What are you doing for Christmas? I think the people from Worms are coming. In a hurry, greetings to you, Joh. Kossmann.
Letterhead: If someone asks you re: Albert, Aunt Hans gave your address to Cousin Louis in the U.S.A. as a relative; it concerns the Aid Society for Immigration.

Added: Warm Greetings, Hede

credit: bg
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