Firmenbriefkopf Nr. 71 Gross-Gerau d., 6. Dec. 1937


Lieber Martin.

Ich freue mich aus deinen Zeilen zu entnehmen, dass ihr deinen Geburtstag schön gefeiert habt und die Bildchen sind sehr nett. Der (Trut)Hahn muss ja ein Riese gewesen sein. Wir erwarten für diese Woche wieder eine Gans, die wir aus der Röhn bekommen 8.0 Pf.(ennig).?.das Pfund oder kg? während sie hier M 1,2ß-1,25 kosten.

Wie mir gestern Frieda sagte, hat Karl eine kleine Aufbesserung bekommen; ich hoffe aber, dass du dich hierüber nicht aufregst, ich in zufrieden, hoffentlich auch du, wenn du nur deine Stelle halten kannst, wo es doch in U.S.A. z(ur) Z.(eit) allgemein auch schlecht ist.

Diese Woche schrieb Tante Hans, ob Max Herz vielleicht Bürgschaft für Albert stellen würde; er sollte diese Woche entlassen werden, kann aber nicht heim und, wohin er kann, weiss anscheinend noch niemand. Du kannst ja bei M. Herz mal Fühlung nehmen und ihm sagen, er würde damit ein gutes Werk tun und ich würde mich freuen, wenn er Tante Hans helfen könnte; oder meinst du ich sollte direkt an Max schreiben? Aber ich denke , man kann sowas besser besprechen. Ich will jetzt auch an Hans schreiben, dass vorerst an dich geschrieben habe.

Tante Hilda und Onkel Alex sind Heute nach Hause. Rudolf Kahn hatte die Zollbeamten zum Packen und geht sein Gepäck heute weg, und er selbst hat eine Baleh?gewächs im Gesicht bekommen und ist in ärztlicher Behandlung. Hoffentlich können sie doch noch reisen, da die Abfahrt für den 16. Dec. bestimmt ist.

Ich war diese Woche am Finanzamt und habe mich wegen der Hinterlegung der Reichsfluchtsteuer für mich erkundigt, da im Januar schon meinen Pass einreichen werde; du brauchst nicht eher was zu unternehmen, bis ich dir schreibe; empfange noch einen herzhaften Kuss von deinem Vater.


Lieber Martin!

Die Bildchen sind fein, nur musst Du sehen dass die Backen etwas voller werden. Das muss ein Riesentier gewesen sein, die Hauptsache es hat gut geschmeckt.

Unser Haus ist wieder leer, auch wieder mal schön; wir laden Onkel und Tante von Bretten ein zu Weihnachten zu kommen, aber durch ihr Schlemasel wollen (sie) nicht fort; Vater hat Dir vergessen zu schreiben, ob man das Töchterchen von Albert, ein Mädchen von 4-5 Jahren, in U.S.A. nicht unterbringen kann, ob durch die Krisis so was zu erreichen ist? - erkundige Dich mal! - der Zustand in Bretten ist zu traurig; die alten Leute haben nichts schönes.

Von uns ist nicht viel zu erzählen, alle Tage dasselbe. Heute mittag waren Vater und ich spazieren, bald bis Nauheim und (es) wird noch feste in der Zuckerfabrik gearbeitet. Vater liest eben die Familie Mendelsohn, so geht der Tag angenehm herum. Storchens aus Mannheim reisen am 30. Dec. mit der Manhatten, sind in D.(üssel?)dorf und gehen noch 10 Tage zu Onkel Jacob; es ist bald leer.

Was treibst (du) mit Weihnachten. Recht herzl. Grüsse von Johanna Kossmann.
No. 71 Gross-Gerau, Dec. 6th, 1937


Dear Martin,


I was glad to see from your letter that you had a nice birthday party as the pictures show. That turkey must have been huge. We, too, are going to have a goose this week from Röhn for 80 Pfennigs per pound, while here you’d pay 1.20-1.25 Marks for them.

As I heard from Frieda yesterday, Karl got a small raise; hope this does not upset you; I am happy, hopefully, you, too, if you can just keep your job, when things are currently difficult in the U.S.A. as well.

This week Tante Hans was wondering if Max Herz would sponsor Albert; he should be released next week from prison; but he cannot go home and where he will stay, apparently nobody knows as of yet. You could chat with M. Herz about it, to find out how he feels about this and tell him, it would be a really good deed and it would make me happy if he could help Tante Hans; or, do you think I should approach him directly? I think it works better face-to-face. I will write to Hans as well and tell her what I told you.

Aunt Hilda and Uncle Alex return home today. Rudolf Kahn had a visit from customs while packing and his stuff will be shipped today; meanwhile he has an abscess on his face and needs a doctor to look after it. Hopefully they can still travel as they are supposed to leave Dec 16.

Today I went to the tax office to ask about the Reich Leave Tax, since I want to apply for a passport in January. You do not need to do anything until I let you know; have a warm kiss from your Father.


Dear Martin, The pictures are great, but you should work on gaining back some weight! The turkey must have been a giant one; the main thing is it tasted good. Our house is empty again, which I don’t mind right now; Uncle and Auntie from Bretten are invited to us for Christmas, but maybe they don’t want to leave because of their Schlamassel [trouble/mess]; Father forgot to ask you if Albert’s 4-5 year old daughter could not somehow be sent to the U.S.A. if one could use the current crisis to achieve this? – ask about this – the Bretten situation is just too bad; the old folks have nothing but problems. About us there is nothing new, all days are the same. Today Father and I went for a walk, almost all the way to Nauheim; work is still being done in the sugar factory. Father is currently reading about the Mendelssohn family, so the day passes more pleasantly. The Storchens family of Mannheim leaves Dec 30 with the Manhattan; now they are in Düsseldorf and then for 10 days with Uncle Jacob; soon there will be nobody here. What are you doing for Christmas? Warm greetings from Johanna Kossmann.


credit: bg
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