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Firmenbriefkopf Nr. 70 Gross-Gerau, den 29.Nov. 1937


Lieber Martin.

Wir warten schon einige Tage vergebens auf Nachricht von dir; ich will dich deshalb doch nicht warten lassen und hoffe, dass morgen ein Bf. von dir kommt.

Gestern war (ich) in FfM zur Beerdigung von Hrch. (Heinrich) Hirsch, der in den letzten Wochen noch vieles ertragen musste. Seit einigen Monaten war er auch erblindet. Der Tod war für ihn und seine Frau eine Erlösung. Mit grosser Mühe hat es Gretel noch erreicht, dass sie noch 3 Tage vor seinem Tod kommen konnte und bleibt jetzt noch 8 Tage hier. Willi Rosenberg ist jetzt wieder frei und wurde nach Italien abgeschoben. Betty und ihr Sohn Ernst sind noch in Amsterdam und Fritz ist noch bei seiner Großmutter in FfM und hofft bald durch Fritz Mayer nach U.S.A. zu kommen.

Bei Siegfried Oppenheimer habe zu Mittag gegessen und bei Leop.(old ) Kahn, der in er Bockenheimer Landstraße wohnt, Kaffee getrunken. Liesel Oppenheimer und Gemahl sind am Donnerstag in A. gelandet.

Morgen hat Onkel. Sal.(omon) Geburtstag und Ende der Woche wollen Tante Hilda und Onkel Alex nach Hause. Morgen muss nochmals an die Devisenstelle nach Darmstadt und hoffe, dass dann im Laufe dieser oder nächster Woche mit dem Nachlass von Tante Hannchen fertig werde.

Salli fährt jetzt täglich mit trocknem Brot , das er bei den Bäckern kauft, zu den Farmern und verkauft es an diese. Er hat sich zu diesem Zweck eine Auto für 60 Doll. gekauft und verdient hierbei täglich 6-8 Doll. das ist doch schon eine Leistung !

Sonst weiss für heute nichts zu berichten und grüsse alle Verw.(andten) und Bekannten von mir und sei Du herzl. geküsst von deinem Vater.


Lieber Martin!

Ich schrieb dir im letzten Brief, dass man dort kleine Päckchen schicken kann, aber mit dem ist es nichts; wenn Du vielleicht das im Sinne hattest, lasse es bitte sein! Man darf sie nicht empfangen. Ich war am Mittwoch in F.(rankfurt); es ist ist schon wieder von Lori eine Schwester gestorben; es geht bei uns allen abwärts.

Durch Kahns hörte (ich), dass Du Einladung zum Truthahn essen hattest; wer hat dies zubereitet? Wir hatten gestern ein(en) feinen Gänseschmaus; jedesmal möchte Dir so ein Stückchen gönnen, bes.(onders) die Lieblingsteile von Dir.

Vater hörte, dass Walter Marxsohn in Zürich ist und dort bleibt, bis er auswandert. Heute ist Chanuckah. Vater entzündet und Hede singt dazu , so kommt der Leuchter zur Geltung. Max Oppenheimer ist in seine alte Firma zurück; das Geschäft rentiert sich nicht für 2 Teilhaber. Ist Dr. Prius (oder: Prins) für ständig dort oder nur, um Vorträge zu halten. Wie wir hören, machen Guthmanns Burggr(aben) auch schon Vorbereitungen zum weggehen; so klein wird es dann hier.

Hoffentlich habt Ihr zu Weihnachten zu tun, denn das ist auch gut für Dich.

Mittwoch fahren Hede und ich zu Lina Hirsch, Trauerbesuch machen und gleichzeitig bekommt sie dann einen neuen Pullover; du weißt, Hede ist nicht so anspruchsvoll. Wir erwarten noch eine Nachricht von Dir hast sicher später geschrieben.

Für heute fecht herzl. Grüsse und bleibe gesund von Joh. Kossmann


Im Briefkopf

Lieber Martin, Herzliche Grüße Hede.
No. 70 Gross-Gerau, Nov. 29, 1937

Dear Martin,

We have been waiting for several days to get some news from you. I, however do not want to make you wait, and hope to get a letter from you tomorrow.
Yesterday I was at the funeral of Heinrich Hirsch in Frankfurt who had to suffer a lot in the last few weeks. For the last months he also went blind. It was a relief both for him and his wife when he passed away. With great difficulty, Gretel managed to see him three days before his death, and she can stay another 8 days. Willi Rosenberg is free again and was deported to Italy. Betty with her son Ernst is still in Amsterdam and Fritz is at his grandmother in Frankfurt and hopes to come to the U.S.A. soon with Fritz Mayer’s help.

I had lunch with Siegfried Oppenheimer and coffee with Leop.(old ) Kahn, who lives in the Bockenheimer Landstraße. Liesel Oppenheimer and her husband landed in A. on Thursday. Uncle Salomon’s birthday is tomorrow and Aunt Hilda and Uncle Alex will return home on the weekend. Tomorrow I must go once more to Darmstadt to the Exchange and hope this or next week to finish the matter of Tante Hannchen’s inheritance.

Salli buys day-old bread at the bakers and sells it to the farmers every day. For this purpose he bought a car for 60 dollars and earns 6-8 dollars/day with it. Isn’t that something?

Otherwise I have nothing else to report.  Say hello to all and warm kisses to you from your Father.

Dear Martin,
In my last letter I wrote that you could send us small packages, but that was false; do not send anything, because we are not allowed to receive it. Wednesday I was in Frankfurt again. Another sister of Lori has passed away; it goes downhill with all of us.
Through the Kahns I heard that you were invited to a turkey dinner; who was cooking?  Yesterday we had a goose. Each time I was thinking of you, wishing I could give you your favorite piece from it.
Father heard that Walter Marxsohn is in Zürich and will stay there until he can emigrate.  Today it is Hanukkah. Father lights the candles and Hede sings, this is how we celebrate. 
Max Oppenheimer is back in his old firm; the business is not profitable for two partners. Is Dr Prius staying there for good, or is he only visiting for lectures? As we heard, the Guthmanns of Burggraben are also preparing to leave; it becomes smaller and smaller here.
Hopefully you are busy during the Christmas season, it is good for you. On Wednesday Hede and I we are going to visit Lina Hirsch to give our condolences and then we are shopping for a pullover for Hede; you know she does not want much. We are still waiting for your news; most likely you have written to us later.
For today, warm greetings and stay healthy, Joh. Kossmann. 

In the letterhead:
Dear Martin, warm greetings, Hede

credit: bg
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