Nr. 66

Firmenbriefkopf Gross-Gerau, den 18. Oktober 1937


Lieber Martin!


Deine Karte sowie Bf. Nr. 65 empfingen wir und entnahm eure beiderseitige Freude und auch besonders für dich, wo du so lange keine Gerauer gesehen und gesprochen hast.

Julius und Frieda werden dir ausführlich über hier berichtet haben. Ich habe ½ Stunde, bevor dein Bf. kam, den von Kahn´s gelesen, da ich gerade bei Leopold K. auf dessen Büro war, als ihr Bf. ankam und entnahm ich hieraus auch deren Freude, ganz besonders gut haben von Milwaukee geschrieben; anscheinend geht es Familie Siegfried Kahn sehr gut. David hat jetzt bald Hochzeit. Bei uns ist es sehr still; man hat nicht mehr viel Gesellschaft. Salomon, Job und Else waren gestern in Saulheim, Hanna und Ruth in Mainz; Hede in Dornheim. Frau Kossmann und ich machten einen Spaziergang von 2 Stunden nach Wallerstädten, von da (Feldweg) nach Berkach und von da nach hier und am Abend spielten wie immer Karten.

Was sagst nu zu Boppel? Ist sie nicht tüchtig? Ihre Eltern sind bei Claire Kaufmann (Hugo`s Schwester) in Berlin zu Besuch und wollten den ganzen Monat Oktober bleiben. Anscheinend hat sich Boppel verrechnet im Monat und in der Zahl der Kinder. Sie erwartete ihre Niederkunft erst im Dezember und glaube, dass sie vielleicht auch nur mit einem gerechnet hat. aber zwei fressen besser und werden auch gross werden.

Frau Kossmann ist heute früh zur Bestrahlung nach FfM und wird dir nach Rückkunft über ihren Befund berichten. Sonst weiss für heute nichts. Sei herzl. geküsst von deinem Vater.

Irina ist heute abgereist und hat alles für dich besorgt.


Lieber Martin! Du sollst gleich erzählt haben , was der Arzt mir sagte dersekbe ist recht zufrieden;ich wurde nochmals durchleuchtet, aber soll noch 5 Bestrahlungen haben, hoffentlich bleibt es so, damit ich mein Geld nicht umsonst ausgegeben habe. Du meinst, es seien Nerven, etwas spielt da mit, aber es sind auch andere Sachen.

Morgen kommt Tante Hilda und Berthel, auf dass das Haus voll wird. Ich glaube, dass du Dich mit Kahns gefreut hast, ich kann das verstehen; wir freuen uns wenn wir von Dir erzählt wird (= wenn über dich hier erzählt wird) . Denn das ist eine Ablenkung in diesem eintönigen Leben.

Vater geht von hier nicht weg, wollen weiter abwarten. Wie man liest, gi(e)bt es in Hessen die 3 Provinzen nicht mehr, es heisst jetzt Volksstaat Hessen. (rechter Rand) Die Autos haben (das Kennzeichen) ? VH. Herzliche Grüsse Joh. Kossmann
Number 66, Gross-Gerau, October 18, 1937

Dear Martin,
We got your card and the letter No 65 and we could tell how happy you all were with each other, especially since you have not seen or spoken to anyone from Gerau for such a long time. Surely Julius and Frieda told you about us in great detail. Half an hour before your letter arrived I had already read the one by Kahn, as I just happened to be in Leopold K.’s office at that time, and so I could see how happy they were too. They especially liked Milwaukee; apparently Siegfried Kahn’s family is doing really well. David is about to get married. Here it is all quiet; we do not have much to do in business; Salomon, Job and Else went to Saulheim yesterday, Hanna and Ruth to Mainz. Hede to Dornheim. Frau Kossmann and I went for a two-hour walk to Wallerstädten, from there (across the land) to Berkach and from there to here, and in the evening we played, like always, cards.  
What do you think of Boppel? Isn’t she great? Her parents are visiting Claire Kaufmann (the sister of Hugo) in Berlin and wanted to stay there for the whole month of October.  Apparently Boppel miscalculated the time and the number of the children….She expected to deliver only in December and I believe she expected only one little one, but two eat better and will grow up just as well.
Frau Kossmann went to radiation therapy to Frankfurt today and will write to you when she returns. Otherwise there is nothing else new. Warm greetings from your Father.  Irina has left today and got everything with her for you.

Dear Martin,
You should learn right away what the doctor said to me: he is quite content, I received another radiation treatment, should have five more, hopefully it stays that way, so that I did not waste my money for nothing. You say it is just nerves, which is definitely true, but there are other things as well.
Aunt Hilda and Berthel come tomorrow, so the house will be full. I believe you were happy to see the Kahns, I understand that, we are always glad to hear what others have to say about you; it is a diversion in this boring life.
Father does not want to leave, we should wait and see. As we heard, the three districts of Hessen no longer exist; it is now called Volksstaat [the people’s state] Hessen. (on the right) The cars have VH licence plates. Warm greetings from Joh. Kossmann.

credit: bg
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