Nr. 64 Gross-Gerau, d. 4. Oktober 1937


Lieber Martin,

dein Bf. Nr. 63 traf heute ein und will ihn dir auch gleich beantworten. Über deinen Wechsel bin natürlich überrascht und will ich hoffen, dass du jetzt das Richtige gefunden hast.; denn das Photographieren macht dir ja schon immer Spass.; anscheinend hat Dir´s im letzten Geschäft nicht so gefallen, weil du auch nie etwas vom Geschäft erwähnt hast; umsomehr hoffe (ich) jetzt in deinen Briefen vom neuen zu hören. Hoffentlich hast du dorten mehr Chance(n). Was soll die Chemie-Stunde für dich für einen Zweck haben? Leider kann (ich) dir die monatl.(iche) Zulage nicht mehr schicken, da unsere Pässe nicht mehr verlängert wurden. Ich will aber morgen an die Devisenstelle und sehen, ob dorten die Genehmigung bekomme, deir dieselbe wieder zu schicken. Ich werde deinen heutigen Bf. mitnehmen, woraus sie ja ersehen können, was du verdienst und dass dies nicht ausreicht.

Heute ist Julius Strauß von hier weg nach Frankfurt und hat ihm dies sehr leid getan; ich glaube, dass ich dir schon geschrieben habe, dass ihm sein Hausgeld (17 Mille) vom Finanzamt beschlagnahmt wurde, wegen Steuer, die ihm vor 8-9 Jahren erlassen wurde. Sobald seine Angelegenheiten alle erledigt sind, will er auswandern. Du schriebst, dass mit Frau Schuhmann sprechen soll; dies habe bereits getan und sagte sie mir, dass sie alles für ihren Jungen aufheben würde.

Vor ungefähr 14 Tg. (an Eref Jom Kipur) starb die Mutter von Nussbaum und kannst du ihm kondulieren. Am Samstag hat sich Irina bei uns verabschiedet. Und am 11. Okt packt sie ihr(en) Lift. Für heute grüsst und küsst dich herzlichst dein Vater.


Lieber Martin!

Kannst Du Dich noch erinnern, dass ich Dir beim Weggang sagte, Du wirst doch mal in einem Photogeschäft landen; es sich bewahrheitet; ich freue mich, dass du zufrieden bist und s. Gr. hast Du ein bis(s)chen Glück; diesmal hat sich Vater nicht aufgeregt über deinen Wechsel; man merkte die ganze Zeit , dass da etwas nicht stimmt. Jetzt wird es mit der Hütte fertig sein, was treibt ihr Sonntags?

Hier ist es über...... und weis manchmal nicht, was anfangen soll.

Seit Mttwoch ist Tante Hilda hier, sieht grossartig aus. Heute ist sie in Mainz. Berthel erwartet die Papiere. Am vergangenen Samstag waren 3 Familien hier in der Synagoge, um Abschied zu nehmen . Dein Brief geht mit dem Schiff, mit dem die Schwiegermutter und Schwager von Familie Moritz Schott auswandern nach New York.

Irma von Sprendlingen fährt mit der Manhatten am 20 oder 24. Oct. .

Dein Bildchen ist fein, siehst gut aus; wer sind die andern? Wie wir hörten, zieht Alice in New York um und wurde die Frau von Onkel Karl die (den) Haushalt führen und zu ihr ziehen. Bis der Brief kommt, sind vielleicht J(ulius) und F(rieda) Kahn bei (Fortsetzung im Briefkopf) Dir gewesen. Wir sind schon neugierig, bis diese zurück sind oder bleiben sie länger weg? Mittwoch fahre zum Doktor, besser ist es noch nicht.

Wir freuen uns immer mit Deinen Briefen das ist eine schöne Stunde für uns mit herzl. Grüssen auch an alle Bekannten Joh. Kossmann.


Number 64, October 4, 1937

Dear Martin,
We received your letter No. 63 today, and so I want to respond right away. Naturally I am surprised about your changing jobs, and just hope you have found the right one for you; I know you have always liked to take photos. Apparently you did not much like your last job as you never mentioned anything about it; the more I hope that I will learn more about your new work from your letters. Hopefully you have better chances there. What’s the point of your chemistry studies? I can no longer send you a monthly allowance I’m afraid, because our passes have not been renewed. But tomorrow I will go to the exchange and see if I can get another permission there to continue. I will take your letter from today with me so they can see what you are making and that it is not enough.
Julius Strauß left here today for Frankfurt and he was very sad about it. I believe I had already written to you that the money he got for his house (17k) was seized by the taxman as he owed them from 8-9 years ago. As soon as he will have settled all his affairs, he wants to emigrate. You write that we should speak to Frau Schumann which I did in the meantime and she said she would keep everything for her sons.
The mother of Nussbaum passed away about 14 days ago (on Erev Yom Kippur) so you should send him your condolences. Irina said her good-byes on Saturday. She will pack her things on Oct 11. Greetings and kisses for today from your Father.

Dear Martin,
Can you remember, when you were leaving I told you that you would end up working in a photo shop; well, it came true. I am glad you are happy about it and thank God you are so lucky; this time Father did not get upset about your changing jobs: we knew all along that something was not right with the old one. Now that the cabin is finished, what are you doing Sundays? Here it is extreme…and sometimes I have no idea what to do. Aunt Hilda is visiting us since Wednesday and she looks great. Today she went to Mainz. Berthel is expecting her papers. Last Saturday we had three families in the synagogue here to say good-bye to. Your letter goes with the same ship taking the in-laws of Moritz Schott's family emigrating to New York. Irma of Sprendlingen is going on Oct 20 or 24 with the Manhattan.

Your picture is nice, you look good, where are the others? As we heard, Alice who is in New York is moving to live with and take care of the household of Uncle Karl’s wife. By the time you get this letter, probably Julius and Frieda Kahn will have already visited you. We are wondering if they'll come back or stay longer… I am going to see the doctor on Wednesday, for I am not feeling better yet. We are always happy to get a letter from you: it makes our day. Warm greetings to all Joh. Kossmann. 

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