Briefkopf Hotel Flörsheim Bad Nauheim Karlstrasse 28 15. 6. 1937


Lieber Martin.

Deinen Bf. vom 1. Juni, die Nummer weiss nicht mehr, da den einen Hede, den anderen n Frau K(ossmann), nachdem ich ihn gelesen, heute früh sofort weiter geschickt habe, habe erhalten und dein Wohl daraus entnommen; anscheinend habt Ihr schöneres „Weekend“ wie wir. Wir haben auch keinen Michigansee, aber wir sind auch so zufrieden. Ich bin seit 7. 6. Hier und bleibe bis nächsten Montag (den 21.)

Die erste Woche war unerträglich heiss (36 Grad im Schatten), aber gestern Nacht war ein Gewitter und hat schön abgekühlt, so dass diese Woche voraussichtlich angenehmer ist.

Die Verpflegung ist gut und habe auch sehr nette Gesellschaft, besonders ein Herr aus Oldenburg (73 Jahre, aber eine lustige Haut) und ein Herr aus Stettin 48 Jahre alt, mit dem viel laufe. Ausserdem ist auch eine Americanerin im Hotel, die gebrochen deutsch spricht, mit der wir uns sehr viel unterhalten; sie ist aber, wie man so zu sagen pflegt, kein Fisch und kein Fleisch. Gestern war auch ein Herr Friedberger hier seine Eltern be- suchen und sagte mir, dass er dich kennt; er hätt als bei Frau Michel mit dir gegessen. Er reist in Bäckereiartikel. Vorerst hat er noch keine gute Stelle, trägt sich aber auch mit dem Gedanken später nach U.S.A. auszuwandern. Am Sonntag rief Herr Schlösser vom Landesverband Mainz an, ob ich Bernhard von Nauheim nicht helfen wollte, da am nächsten Tag (am 14. Juni) sein Haus und Äcker zwangsweise versteigert werden. Ich habe jedoch abgelehnt, da die Sparkasse auf Bezahlung Ihres Guthabens besteht und über Mk 5000 zu bekommen hat. Ich habe bis heute weiter nichts gehört, glaube, aber bestimmt, dass es gestern verkauft wurde, denn ich könnte mir niemand denken, der ihm helfen könnte. Ich habe Mk 1000 von ihm zu bekommen, die vor 2 Jahren an die Sparkasse zahlte, wofür mir aber keinen Pfennig mehr rechne. Es ist ja sehr schlimm, wenn eine alte Frau von 89 Jahren, die taub und blind ist und so lange im Haus wohnt und jetzt auf die Strasse gesetzt wird. Du kannst es ja mal Max und Käthchen erzählen. Am Freitag war ach eine Frl. Simon aus Mainz hier, um Cigarren zu verkaufen; sie kennt dich auch gut. Wie sie mir sagte, geht sie im August für immer nach Chicago und würde sie dir gerne was mitnehmen. Sie kommt vorher nochmals nach Gr. Gerau sich bei uns zu verabschieden und Onkel Salomon hat öfter Cigarren von ihr gekauft. Also wenn du was gebrauchst, schreibe gleich nach Erhalt dieses.

Ich glaube, dir heute so ziemlich alles von Belang geschrieben zu haben. Ich habe heute Jahrzeit für meinen sel. Vater und du hast im nächsten Monat für dein l. sel. Mutter deren Bild bei mir auf dem Tische steht und sieht, wie die Zeilen an dich schreibe. Eine Jahrzeit-Tabelle hast du ja bei dir und kannst du den Tag nachsehen und im Tempel Kaddisch für sie sagen. Also, l. Junge, empfange für heute noch einen herzhaften Kuss von deine Vater.


No. 49, June 15, 1937

Dear Martin,
I’ve got your letter of June 1, but I don’t remember what number it was. I forwarded it right away, one to Frau K(ossmann) the other to Hede, as soon as I had read them. Good to hear you are alright; apparently your “weekend” is better than ours; Although we have got no Lake Michigan, we are fine without it. I have been here since June 7 and will stay until next Monday the 21st. The first week was unbearably hot (97 degrees in the shade) but last night we had a storm which cooled things off nicely, so this week should be better.
The service is good, and I have very nice company, particularly a gentleman from Oldenburg (73 years old but a funny fellow) and another one from Stettin (48) who ensures we are entertained. In addition, we have an American woman in the hotel who speaks broken German and we chat a lot with her; she is a bit boring, neither fish nor fowl as they say. Yesterday a Herr Friedberger came to visit his parents who said he knew you; he had had lunch with you at Frau Michel’s. He travels in baking utensils. Currently, he has not got a good job yet, and plays with the idea of emigrating to the U.S.A. later. Herr Schlösser from the Landesverband [provincial association] Mainz called me on Sunday, wanting to know whether I could help Bernhard from Nauheim as the following day (June 14) his house and land would be forcibly put up for auction. I declined though because the Sparkasse insists on being paid over 5000 Marks by me. I have not heard any more news about that until today, although I am convinced his property was sold as I can’t think of anyone who could help him. I must still get 1000 Marks from him for the loan I paid on his behalf to the Sparkasse two years ago, but I charge not a penny interest for that. It is terrible when an 89 year old woman, deaf and blind, is kicked out of the house where she had always lived. You may want to tell Max and Käthchen about it. Friday a Fräulein Simon was here from Mainz selling cigars: she also knows you well. She said she would go to Chicago for good in August and could take something for you with her. She will come to see us again in Gr. Gerau to say goodbye and Uncle Salomon also had bought cigars from her a few times. So, if you need something, just write to me right after you get this letter.
I believe I told you about all important things for today. Today is the anniversary of the passing of my dear Father and you have that for your dear Mother next month, whose picture is on my desk so she can see how I am writing this to you. You have an anniversary calendar with you and so you can look up the day and say Kaddish [prayer for the departed] for her in the Temple.
So, dear boy, have a loving kiss for today from your Father.

credit: bg

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