Liège 9. 6. 1937

Lieber Martin!

Wie versprochen, Dir von hier aus zu schreiben, soll es auch sofort sein. Am Montag morgen sind wir alle abgereist. Hede um 9.30 nach Worms, ich wurde 9.50 an die Bahn gebracht und Vater fuhr mit Else und Job nach Ff und anschliessend nach Nauheim. Bis alles gepackt war und dann alles fest geschlossen, war ziemlich Arbeit. Ich fahre morgen Donnerstag nach Bruxelles und hoffe, von Dir bald zu hören, dann nach A. (nvers)– so habe meine Tour eingeteilt. Von zu Hause ist G. s. D. nichts Unangenehmes zu erzählen. Vater hat mit den Aussenständen viel zu tun und ist G. s. D. guter Dinge. Ich bin im neutralen Land, da kann Dir so ein wenig erzählen, das Dich interessiert. Bei uns ist das R?????. nicht weniger geworden, keiner sagt mehr guten Tag; nur im Feld sind die meisten freundlich und wenn jemand grüsst werden auf die Kreisleitung bestellt; von der ganzen Nachbarschaft sieht uns niemand an; aber haben uns daran gewöhnt. Neulich wurde ein neuer Kreisleiter eingeführt. Der Bürgermeister und Kreisl. kommt nach Wiesbaden; hat Schulden genug gemacht, aber dafür müssen die Geschäftsleute zum Schwimmbad etc. tausende dazu beisteuern, natürlich wir nicht mehr! Vielleicht klappt es dadurch bei Kahns jetzt schneller, sie machen heute mehr Schwierigkeiten wie im Anfang. Fey ist schon mechule und Siegf.(ried) Oppenheimer hat sein Wohnhaus für 11.000 M. verschenkt. ?Husche??? hatten noch grosses Glück; sie denken nicht dran wegzuziehen, denn die Miete in der Stadt ist zu hoch und Vater sagt, wie schnell ist das bischen Geld aufgezehrt, wenn nichts dazu kommt.

Weisst Du, dass Onkel Salmon gar nichts mehr hat; alle sind von Else und Job abhängig -ist das nicht traurig? denn Haus und Acker gehören Else, aber wenn dies mal weg sind, wird Vater seinen Bruder nicht im Stich lassen; er kann jeder Zeit zu uns kommen. Dies hat Vater schon zu Job gesagt. Hanna kann sich dann eine Stelle suchen. Frauen haben darin mehr Chancen; die gute Else wird sich in der Fremde umsehen. Ruth soll mit ihr auswandern.

Am Sonntag hatten kurz Besuch von Oppenheimers und Kinder aus Mannheim; deine Cousine und Kinder sehen gut aus, fahren Anfang Juli nach Süd-Amerika. Haben sich verabschiedet; aber mit Alfred, das ist eine schöne Sache, der kann vielleicht 3 Jahre Z.(uchthaus) bekommen, hat sich mit dem Mädel immer getroffen, zwar in Baden-Baden bei Albert, dasselbe ist auch im Hotel wegen Begünstigung; welche Sorgen für Tante Hans; sie schrieb, in den ersten Wochen, könnte nicht schreiben; die arme Frau hat schon für alle so manches mitgemacht.

Die Niersteiner haben auch so manche Sorgen durch Siegfried Levy; da soll am 19. Juni Verhandlung sein, wenn er heim kommt, und will er sich bei Tante Selma erholen. Deshalb kann Hede jetzt nicht hinfahren. So bleibt 14 Tage in Worms; hoffentlich gefällt es ihr dort und ist zufrieden. Auch Vater soll seine Nerven etwas stählen, denn er schläft so schlecht, hat viel zu denken, aber sieht G.s.D. gut aus.

Wie erzählt wird, hat Heini kein Geld mehr, Albert´s Vermögen ist futsch, das war schnell; mit Vater sind ein bischen broches, da an Heini neulich kein Geld leihen konnte. Mina näht Kleider für Bekannte, um sich was zu verdienen; spreche mit niemand darüber.

Jetzt, l. Martin, wie geht es Dir , fühlst Du Dich wohl und hast Dich gut eingelebt? Was Du auf dem Herzen hast, schreibe es mir, um uns brauchst ich nicht zu sorge; wir leben ruhig hin, uns weiter machen keinen Sprung und vielleicht klappt es , dass Vater dich im Frühjahr besucht. Kahns´ fahren im August mit der Deutschland, so haben Leopold Kahn mir gesagt; der Pass ist noch nicht genehmigt. Ich erwarte vom Vater jetzt Nachricht; hoffentlich hat er nette Gesellschaft und hält 3 Wochen aus. Recht herzl. Grüsse auch von m.(einer) Tochter von Deiner Joh. Kossmann


Im Briefkopf: Grüsse mir herzl. alle Bekannte.

Liège, June 6, 1937


Dear Martin,
I had promised to write to you from here, so I’ll do so right away. We all left Monday morning. Hede took off to Worms at 9:30, I was taken to the train at 9:50 and Father drove with Else and Job to Frankfurt and then to Nauheim. It was a lot of work to pack and lock everything. My plan is to travel to Brussels Thursday afternoon and from there to Anvers – and hope to hear from you soon. Thank God, I cannot report anything unpleasant from home. Father is very busy but thank God he is doing well. I am in a neutral country so I can tell you about things a bit more freely. At home there is no less Reches [trouble] than before, nobody says hello; only in the countryside are they still friendly, but if someone greets you they will be called into the county office; none of the neighbors even look at us; but we’ve gotten used to that. The other day a new county leader came. The mayor and the old leader are going to Wiesbaden; they’ve created enough debt. And for that the local businesses will have to pay thousands; of course, not us, not anymore. Perhaps the Kahns will get lucky now, these days it is becoming more and more difficult. Fey is already mechula [bankrupt] and Siegf.(ried) Oppenheimer had given away his house for 11,000 Marks. ?Husche??? were lucky; they will not think of moving, because the rents are too high in the city and Father says, that little money will be gone in no time when nothing new comes in.
You know Uncle Salmon has got nothing; they all live off Else and Job – isn’t this sad? The house and the land belong to Else, although if that too were gone, Father would not let his brother down; he could come to live with us any time. Father told this to Job already. Hanna could then look for a job. Women have better chances in that; the good Else will look around elsewhere; Ruth wants to emigrate with her.
The Oppenheimer family with children came over from Mannheim on Sunday for a short visit; your cousin and the children look good, they are going to South America the beginning of July. They said their goodbyes; but Alfred, now this is just wonderful; he could go to prison for 3 years; he kept seeing the girl again and again; in Baden-Baden at Albert’s; in the hotel because of the discount; what a worry for Aunt Hans; she had said in the beginning she could not write; that poor woman has gone through a lot for them. The Niersteiners also have some issues because of Siegfried Levy; the trial will take place June 19th; if he gets off, he will recover at Aunt Selma’s. That’s why Hede cannot go there now. So, she stays in Worms for two weeks. Hopefully she will like it there and will be satisfied with that. Father, too, should strengthen his nerves, for he sleeps very poorly, has got to think about many things, but thank God, he looks good.
As I learned, Heini has got no more money. Albert’s fortune is gone: that happened fast. They are a bit upset with Father as no money could be lent to Heini. Mina does some sewing for people to earn a little; don’t tell anybody about this.
And, dear Martin, how are you doing? Have you got used to the life over there in the meantime? Should you have any worries, you can write to me about it.  But do not worry about us, we live alright. We have no great issues and perhaps Father can visit you in the spring. The Kahns leave with the Deutschland [ship] in August, at least that is what I heard from Leopold Kahn; they have no passport yet. I am expecting some news from Father: hopefully he is in nice company and will stick it out there for 3 weeks. Warm greetings from my daughter and from your Joh. Kossmann.

In the letter head: give my greetings to all!

credit: bg
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