Firmenbriefkopf Gross-Gerau 18. 5. 1937

Lieber Martin!


Heute Wäldchestag (das ist ein alljährliches Frankfurter Volksfest) und wir haben von Dir, l. Martin, noch nichts gehört, aber wir sind nicht beunruhigt, da hier noch keiner Post von drüben hatte diese Woche; Frieda Kahn wird noch meschugge, wenn Karl jetzt nicht schreibt. Hoffentlich bist Du gesund und hast die Pfingsttage angenehm verbracht. Wir haben viel on Dir gesprochen, über unsere schöne Pfingsautotouren.

Gestern Nachmittag waren im Taunus, dies hast doch an der Karte gesehen; es war sehr schön, vom Feldberg aus fuhren nach Oberreifenberg, und dann über den Sandplackken, Hohemark, heimwärts; Essen hatten mitgenommen; das ist eben angenehmer.

Hier hat sich sonst nichts zugetragen; es vergeht ein Tag wie der andere. In Worms war es sehr nett; es war nur schade, dass es ständig regnete Jetzt habe zu tun mit Reisevorbereitungen: Am 6. oder 7. Juni fahre ich nach Belgien, wo Vater hin fährt, ist noch nicht bestimmt; er wollte wieder zu Hanne bleiben, aber das darf er nicht tun; etwas Luftveränderung schadet nichts. Ich denke, Rosel kommt mal einige Tage hierher, da ich doch 3-4 Wochen wegbleibe und Vater 14 Tage fort bleibt.

Habt Ihr tüchtig im Geschäft zu tun und wie gefällt Dir deine neue Tätigkeit, macht sie Dir Freude ?

Am Samstagabend, wir sassen im Hof und verzehrten unser Abendbrot, kommt ein Auto angefahren, das Tor öffnet sich und wer erscheint ?– Wilhelm Frank kam mit Onkel und Tanten aus Frankfurt in einem Opelwagen, machte einen kurzen Besuch bei uns, aber nächstens will er mal gemütlich kommen, sieht gut aus, bleibt bis August in Europa. Vater hat ihm von seinem letzten besuch verschiedene Fragen gestellt.

Tante Hilda schrieb auch zufrieden über Curt und sind alle glücklich, dass er eine Stelle hat, Udo sorgt gut für ihn, vielleicht hat Berthel auch Chancen nach Amerika zu kommen, da von Hilfe und Aufbau Aerzte angefordert werden und die engere Wahl ist jetzt unter 45.

Berthel musste auch schon Bilder von sich einschicken und hofft man, dass sie das Glück hat, gewählt zu werden.

Hast Du jetzt die Sachen von Frau Kahn erhalten?

Sonst wüsste nichts zu erzählen; wir erwarten von Dir Brief - mit herzl. Grüssen auch an alle Bekannten v. Deiner Joh. Kossmann.

L. Martin, hoffe dich wohl und kann Gleiches von uns au berichten. Du kannst Max u ndSophie sagen, dass sie ihr Erbteil von Tante Hannchen den Nauheimer Kinder(n) vermachen sollen und mit demselben Vermerk, wie es Tante Hannchen gemacht hat und zwar dass ich dasselbe auf deren Namen bei der Sparkasse anlege mit der Bedingung, dass ihn(en) der Betrag nebst Zinsen bei ihrer Verheiratung oder spätestens bis zum 30. Lebensjahr ausbezahlt; denn, wenn es Bernhard in die Finger bekommt, ist es gleich fort. Dies muss aber behördlich beglaubigt sein und eilt. Für jeden Erben wird es ungefähr 30 oder 300?? dMrk. betragen. (right margin)


Im Briefkopf:

Das gleiche kannst Du bei Udo und Tinchn umgehend veranlassen für Tante Hilda, da sie doch jetzt Geld für Bertels Ausstattung gebraucht und Curts Sachen noch alle bei Cohns zu bezahlen sind

Herzl. Gruß v. d. Vater.



Gross-Gerau, May 18, 1937

Dear Martin,
Today is Wäldchestag [a yearly folk festival in Frankfurt] and we have not heard from you; but we are not anxious as there has been no post from abroad this week yet; Frieda Kahn will become meschugge if Karl does not write to her now. Hopefully you are healthy and spent the Pentecost days well. We thought of you and our beautiful Pentecost tours with you a lot.
Yesterday afternoon we were in Taunus; you saw this on the card. It was beautiful, from Feldberg we drove to Oberreifenberg, and then on the way home through Sandplackken, Hohemark. We brought our own food; it is more pleasant that way. Nothing else is new: one day passes just like the other. It was very nice in Worms; it is only pity that it rained most of the time. Now I am preparing for my trip: June 6 or 7 I am going to Belgium; where Father will go is not yet sure. He wanted to stay home again but he is not allowed; a bit of a change cannot hurt. I think Rosel will come over for a few days as I will be away for 3-4 weeks and Father is leaving for 14 days.
Are you busy at work and how do you like your new tasks, are you happy about them?
Saturday evening we were sitting in the garden having supper; all of a sudden a car arrives, the gate is opened, and who comes there? Wilhelm Frank with uncle and aunts from Frankfurt arrived in an Opel for a short visit. Next time he wants to stay longer; he looks great, stays until August in Europe. Father asked him many questions about his last visit.
Aunt Hilda wrote about Karl; they are all happy about his job; Udo takes care of him; perhaps Berthel will also have a chance to go to America; Hilfe and Aufbau had requested physicians and the short list is under 45.
Berthel had to submit her photos and we hope she will be so lucky as to be chosen. Have you got your things from Frau Kahn?  Otherwise there is nothing new – we hope to get a letter from you soon – warm greetings to all from your Joh. Kossmann. 

Dear Martin, hope all is well, same about us.  You can tell Max and Sophie that they should bequeath their inheritance from Aunt Hannchen to the Nauheimer children, with the same note as Aunt Hannchen’s, namely that it will be deposited in the Sparkasse to their names by me with the condition that it will be paid to them, together with interest, at the time of their marriage or the latest by their 30th birthday. Otherwise, if Bernhard gets it in his hands, it will disappear right away. It still needs to be approved by a notary, and it is urgent. It will cost about 30 or 300?? DMark for each inheritor. 

In the letterhead:

You can tell Udo and Junchen Tinchn the same about Aunt Hilda as they need money for Bertel’s dowry and they must pay the Cohns for Curt’s things.  Warm greetings from your Father.

credit: bg
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