Firmenbriefkopf 5. April 1937

Lieber Martin!

Gewiss haben alle schon das Nötige berichtet, aber ich will Dir nochmals sagen: sorge für Vaters Besuchsbürgschaft und dann wollen die Hapag für Pass und alles sogen; erst müssen sie die B.(esuchsbürgschaft) haben, denn jetzt hat Vater Lust bekommen, Dich zu besuchen und will ich schon die Sachen für ihn so langsam einkaufen, denn er hat versch. nötig; durch Onkel Max hat er einen feinen Stoff zum Anzug.

Hier ist so wenig Abwechslung; war am Samstag in F., besuchte ich mal Heinrich Hirsch, den Leuten geht es sehr, sehr schlecht. Herr Hirsch hat ein Auge herausgenommen bekommen, es ist traurig, sind beide alte Leute geworden; dieselben nehmen jede Unterstützung an und zu Feiertag haben wir aber? Dein Vater diesen schon Lebensmittelpakete geschickt; ist das nicht traurig?

Sie hätten gerne, daß Fritz, ihr Enkel nach Amerika kommen könnte; höre mal rechts und links, ob eine Amerikan. Familie den Jungen aufnehmen würden. Herr Hirsch hat schon alle mögliche Schritte getan, aber sie müssen einen Anhaltspunkt haben.

Ich freue mich, dass Du die Sachen alle erhalten hast. Jetzt noch die andern von Frau Kahn; passen die weissen Hemden, was für Ansprüche hast Du jetzt?

Heute haben wir einen warmen Frühlingstag und will Vater die Blumen schon herausstellen, aber ich wehre mich dagegen; die Nächte sind noch kühl. Geld wollen nicht viel für Blumen ausgeben; es hat so wenig Sinn, keine Lust dafür.

Kahns haben bis jetzt noch nicht die Genehmigung es geht alles nicht so leicht. Wir sind froh, so haben immer noch etwas Gesellschaft und die Herrn ihren Skatabend. Wie gestern Flora Blum Bodenheim erzählte, hatte Herbert jetzt Arbeit, aber Erna musste eine neue Erlaubniskarte haben. Die Briefe von Louisville sind so zufrieden eschrieben und wollte Du, l. Martin, hättest auch solche Chance. Ernst ist so schmal geworden, arbeitet viel und isst nicht so viel wie zu Hause. Onkel Max ist mit seinen Nerven gar nicht in Ordnung; er wäre froh, wenn Lohmüller das Geschäft schon hätte. Vater bewährt sich gut als Rentier, sucht sich neue Arbeit. Für heute noch herzl. Grüsse auch an alle Bekannte von Johann Kossmann.


Text im Briefkopf

Lohmüller von Chicago hat an Aenne geschrieben, er würde sie demnächst in Louisville besuchen


April 5th, 1937
Dear Martin,
Surely everybody told you about everything, but I want to stress one more time: take care of your Father’s Affidavit, then Hapag will be able to get his pass and everything else; first they need the Affidavit, for Father now is interested in visiting you, and so I want to buy the things for him, and he needs all sorts of things; Uncle Max got him some fine cloth for a suit.

Here we have very little change; Saturday I was in F., to visit Heinrich Hirsch, they are doing very, very poorly. Herr Hirsch has lost an eye; it's sad, they've both turned into old people; they accept any amount of support and for the holiday your Father sent them packages of food; is this not terribly sad?
They would love it if their grandson Fritz could go to America; ask around everywhere if an American family could take him in. Herr Hirsch himself had tried everything but they must first have connections.
Glad to hear you received your things. Now the stuff from Frau Kahn; do the white shirts fit you? What else do you need now?
Today we had a warm spring day so that Father wanted to put the plants outside, but I said no; the nights are still cool. We do not want to spend money on flower plants; it makes no sense, don’t feel like it.
The Kahns still have not received permission, nothing is that easy. We are happy, because we still have some company and the men their skat nights. Flora Blum of Bodenheim told us yesterday that Herbert had work, but Erna needed a new permission card. The Louisville letters sound so content--I wish you, Martin, had the same opportunities. Ernst lost weight; he is working a lot and does not eat as much as at home. Uncle Max’s nerves are not in order; he would prefer if Lohmüller could run his business already. Father is doing well as a retiree, is looking for new work.  For today warm greetings, also to all our people from Johanna Kossmann.

[On top of the letter]
Lohmüller of Chicago wrote to Aenne that he would soon visit her in Louisville

credit: bg
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