Gross-Gerau 15.2. 1937
Lieber Martin!
Ich hoffe, daß es Dir gut geht, was ich von mir auch berichten kann. Gestern Sonntag war ich mit Hilde Friedel Sch.(ott) und Ruth in Darmstadt wo der Synagogenchor von Mainz ein wunderschönes Konzert gegeben hat. Herr Mendel hat wieder herrlich dirigiert als; das Konzert beendet war, gingen wir in die Stadt Frankfurt, wo es wirklich sehr gemütlich war. Die Jugend war alle da. Ich habe ein Herrn Ludwig Kahn kennen gelernt; im Laufe der Unterhaltung erzählte Er mir, daß er Dein Träner (Trainer) im Tennis war und hat mich gebeten, dieses Kärtchen bei zulegen, worauf ich es Ihm selbstverständlich bejahte. Denn er sagte mir, es sind doch immer Heimatklänge. Unter Anderm habe ich auch Herrn Lich gesprochen, welchen Du doch sicher auch kennst. Er hat mir erzählt, daß er Familie Goldschmidt in Trebur englische Stunde erteile. Sonntag fährt er wieder hin. Darauf ich Ihm sagte, er möchte doch so freundlich sein, am Sonntag einmal zu uns zu kommen, daß man mit Vater über diesen Punkt spricht; ich habe Ihm gleich klar gemacht, daß ich keinen Dunst von Sprachkenntnissen habe. Worauf er sagte: Ich komme am Sonntag einmal vorbei. Ich bin gespannt, wie die Besprechung ausgeht? Gestern habe ich auch Frl. Krämer gesprochen, welche Dich auch grüßen läßt. Heute Morgen reisten Ruth und Paul und Ellen Oppenheimer ab. Gestern während der Veier (Feier) in der Synagoge spielte die Orgel; es kam mir gans(z) komisch vor, da ich Orgel nicht gewöhnt bin.
Loeber sagte Vater, Sally hätte Heute von Lehavre aus geschrieben. Die andern seien schon Seekrank gewesen, er aber noch nicht. Herbert Marx hat sich in Schlesien verlobt. Ruth hat gestern sehr nett Klavier in der Stadt Frankfurt (
ein Lokal in Darmstadt) gespielt und dadurch sehr schön zur Stimmung und Laune beigetragen.
Diese Woche werden die Sachen Tante Hanchen gehohlt und dann von hier ausverteilt. Ich bin immer an Vater zu überreden, im Frühjahr Dich 4 Wochen zu besuchen. Vater will noch nicht so richtich (richtig). Was macht Dein Radio? Sonntag haben wir vor, nach Nierstein zu fahren, es kann sein, daß ich einige Tage dort bleibe.
Bei der
Kippesude? wurden 2 Leute ausgelost die eine Else Hirsch, Büttelborn, die zweite Kollin aus Gräfenhausen. Herta Kahn war auch aufgestellt, ist aber abgefallen. Nun, Lieber Martin, hoffe ich, daß ich Dir alles ausführlich genug berichtet habe, denn sonst weiß ich wirklich nichts mehr zu berichten. Nun grüß mir bitte die ganze Michpoche und alle Bekannte dort und sei du für Heute herzlichst gegrüßt und geküßt von deiner Schwester Hede.
In 14 tagen ziehen Dahlerbruchs von hier nach Frankfurt. Ruth und Liesel Hirsch fahren diese Woche nach Frankf. Auf den Purimball. Hast Du auch Purim gefeiert? Lenchen Schott läßt Dich herzlich grüßen.


Gross Gerau, February 15th, 1937
Dear Martin,
I hope that like me, you're also doing well. Yesterday, on Sunday, I was with Hilde, Friedel Schott and Ruth in Darmstadt, where the synagogue choir from Mainz put on a wonderful concert. Herr Mendel directed them beautifully; when the concert ended, we went to the Stadt Frankfurt [a bar in Darmstadt], which was really quite cozy. All the young folks were there. I happened to meet a Mr. Ludwig Kahn. In the course of the conversation, he explained to me that he was your tennis trainer, and he asked me to include here this little card, which of course I agreed to do, as he told me, one always can use remembrances of home. Among others, I spoke with Herr Lich, whom you also surely know. He told me that he's given English lessons to the Goldschmitt Family in Trebur. On Sunday, he's going back again. When I told him, he should be so kind as to visit us sometime on Sunday, in order to talk to father about this same point. I quickly made it clear to him that I haven't the foggiest idea when it comes to language learning, whereupon he said I should come by some Sunday. I wonder how the discussion will go? Yesterday I also spoke to Fraulein Krämer, who also sends her greetings to you. This morning Ruth and Paul and Ellen Oppenheimer set forth. Yesterday during the selebration [sic] in the synagogue, I played the organ; it felt totaly [sic] funny, as I'm not used to the organ. Loeber told Father that Sally had written today from Le Havre. The others are apparently already seasick, but he's still not. Herbert Marx got engaged in Silesia. Ruth played piano really nicely in the Stadt Frankfurt and contributed thereby very nicely to the mood.
This week Aunt Hanchen's things will be picked up and then parceled out from here. I'm always trying to convince Father to visit you for four weeks in the spring. Father still doesn't really want to so much. How's your radio? On Sunday we plan to go to Nierstein; it may be that I stay there a few days. At the Kippesude[?] two people were released, one Else Hirsch of Büttelborn, the second Kollin from Gräfenhausen. Herta Kahn was also put up, but fell off. Now dear Martin, I hope that I've reported everything in enough detail, and otherwise I don't know anything more to report. Now greet the whole mishpoche, and all the friends there and a kiss and greetings for you for today from your sister Hede.
In 14 days, the Dahlerbruchs are leaving here for Frankfurt. Ruth and Liesel Hirsch are going this week to Frankfurt. To the purim ball. Have you also celebrated purim? Lenchen Schott sends her best greetings.
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