Brief NR. 31 Groß-Gerau 7. 2. 1937
Lieber Martin!

Deine lbe. Karte habe ich, haben wir erhalten und haben uns sehr damit gefreut. Gestern Abend Samstag waren Hilde, Betty und (Ludwig) Goldb(erger) bei mir und haben Fasching gehört. Goldb(erger) sagte mir, ich soll Dir scheiben, wenn Du einmal wieder zu Wieseneck kommst, da sollst du dieselben von Ihm grüßen und Ihnen sagen, daß der NYF Darmst. seinen Platz nicht mehr hat; die Stadt hat Ihn gekauft, um ein Reichsgebeute (= -gebäude) darauf zu bauen.
Deine Bilder haben uns sehr gut gefallen. Gestern waren H. Kahn hier und haben sie die Bilder auch besichtigt. Hast Du echt Fasching gefeiert. Ich werde nur am Radio feiern Nachmanns sind heute nach Lonsheim, um Sally abzuhohlen, welche Heute Nacht erst um 12 Uhr ab Frft nach Hbg. fahren. Sally von H. aus Donnerstag am 10.
Aschermittwoch? abreist. Er hält sich 4-6 W(ochen) in Neu York auf.
Kaufhaus Kahn sind am 1. April in Frft. Heinrich Süß, welcher 8 Jahr bei Ihnen war und Herr Tanzlehrer Hauf haben es gepachtet. Der Schwiegervater von H. (auf), welcher in Dornheim wohnt und sehr reich ist, finanziert es.
Im Sommer läßt sich Vater und ich noch fotografieren.
Herbert Wieseneck bekommt auch demnächst eine Bürgschaft. Heini Hirsch hat sein(en) Wagen abgemeldet. Heute rief Tante Selma an, daß sie heute Post von Änne hatten; sie sind sicher wieder in Luisville. Walter Straus möchte auch flüchten, Ruth ist heute bei Lotte Altmeier eingeladen.
Nun werde ich schliessen, da ich nun koschere Leberwurst und
????. zu Nacht essen will; nun bleib weiter gesund und grüße an alle Bekannte dort. Nun sei du für heute recht herzlichst gegrüßt und geküßt von Deiner Schwester Hede.


L. Martin, da ich wenig zu berichten habe, komme als Letzter. Gestern hatte mal wieder Besuch vom Reichswirtschaftsamt Berlin und fand alles in bester Ordnung. Die Kontrolle dauerte ungefähr eine Stunde.
Job und Else holen Salli in Lohnsheim ab und kommen jetzt zurück und fahren dann um 10 Uhr per Auto nach Frankfurt. Walter fährt danach zurück. Ich will schliessen, da ich jetzt hinüber gehe und Job den Brief mit nach Hamburg gebe. Noch einen herzl. Kuss
v.d.Vater.



Seitversetzt ein Briefteil von Joh. Kossmann.

Lieber Martin! Ich bin auch wider unter den Lebenden, es geht mir wieder besser, der Arzt hat mich noch nicht gesund erklärt; die Grippe hat mich tüchtig mitgenommen, da der Darm in Mitleidenschaft war; 1 Woche in Bett ist hart, aber Hede hat sich viel Mühe gegeben war tüchtig und fleissig, hat alles getan, was in ihrer Kraft stand.

Wenn sie kochte, kam oft zu mir ans Bett und frug genau, wie es machen soll.
Gell, Tante Hannchen hat sich schnell fortgemacht. Besuch hatten genug.
Deine Bilder sind sehr gut und in dem neuen Überzieher siehst Du flott aus und elegant. August Hirsch sind schon echte Amerikaner; alle Bilder sind nett und schön. Jetzt haben Kahns auch verpachtet und uns tut dies furchtbar leid. Wir sind die trauernde(n) Hinterbliebene(n). Bin mal begierig, wie das weitergeht. Die Niersteiner hatten heute Brief von den Kindern, sind im Highland Motel, alles hochgestellt und Silber alles ver
borgen? und aufgehoben. sind wieder zurück, denn das Wasser ist doch wieder zurückgegangen das furchtbarste ist Wasser, da kann sich nicht schützen. Sind die Kölner Marx angekommen? Bemühe dich für die Sachen! Man hörte als wenn der Lift noch nicht fort wäre? Karl Kahn ist jetzt in einer Seiden-Fabrik, war neulich 10 Tage ohne Arbeit, muss aufgeregt nach Hause geschrieben. Wir arbeiten feste dass Vater Dich besuchen soll, denn Mehl giebt bald keines mehr; haben ein ruhiges Geschäft. Wir wollen noch Gelee und ..??....essen; ist auch fein. Rosel schrieb, dass Frau Kahn bald abreist; hoffe, dass Du bald alles dort haben wirst; schade für das Armband; dies hätte er sicher schicken dürfen. Jetzt sind hier die alten jüd. Friedhöfe bald alle ausgegraben; schade, dass die Leute keine Arbeit mehr haben.
Hast Du auch Carneval mitgemacht oder kennt man dort dasselbe nicht?
Hast Du angefangen nach ..??.. englisch. Für heute herzl. Grüße an (alle Bekannte und Verwandte) Johanna Kossmann



Letter number 31, Gross-Gerau, February 2nd, 1937
Dear Martin,
I got - we got your lovely card and it really made us happy. Yesterday evening (Saturday) Hilde, Betty and [Ludwig] Goldberger came over and listened to Carnival [radio broadcasts]. Goldberger told me I should write you, that if you ever come to Wieseneck again, you should greet the same on his behalf, and tell him that the N.Y.F. Darmstadt no longer has its place; the city bought it in order to build a government building. We really liked your pictures. Yesterday the H. Kahns were here and we showed him the photos too. Did you celebrate Carnival properly? I'll just celebrate via radio. The Nachmanns went to Lonsheim today to pick up Sally, who leaves tonight at midnight from Frankfurt to Hamburg. Sally sets forth from Hamburg on Thursday the 10th, Ash Wednesday. He'll stay for 4-6 weeks in New York. Department store Kahns are in Frankfurt on April 1st. Heinrich Süß, who was with you for 8 years, and the dance teacher Herr Hauf have leased it. Herr Hauf's father-in-law, who lives in Dornheim and is very rich, is financing it. In summer, Father and I can still take pictures. Herbert Wieseneck will also get an affidavit soon. Heini Hirsch registered his car. Today Tante Selma called, saying she'd gotten mail from Änne; they are definitely back in Louisville. Walter Straus also wants to flee. Ruth has been invited to Lotte Altmeier's today. Now I'll wrap up, as I want to go eat some kosher liverwurst and [???] for the night, so stay healthy, and send my greetings to all our friends there. Now warmest greetings and a kiss from your sister Hede.

Dear Martin, as I have little to report, I've gone last. Yesterday we had another visit from the Reich Economic Office, and they found everything in good order. The audit lasted about an hour. Job and Else picked Salli up in Lohnsheim and are now coming back and will then drive by car to Frankfurt at 10 o'clock. Walter will then drive back. I want to close, as I'll now go across the way and give Job the letter to take with to Hamburg. Another big kiss from your Father.

Dear Martin, I'm again among the living, I'm doing better, though the doctor still hasn't declared me well again; the flu really got me good, and my bowels were affected. A full week in bed is hard, but Hede did a lot, was efficient and diligent, and took care of everything that was in her capabilities. When she cooked, she would come often to me in bed, and ask me exactly how to make it. Tante Hannchen took off in a hurry, didn't she! We'd had enough visitors. Your pictures are very nice, and in the new overcoat, you look so dashing and elegant. The August Hirschs are now real Americans; all the pictures are nice and Now the Kahns have leased their place, and we're terribly sad about it. We're the grieving survivors. I'm curious, how this will continue. The Niersteiners got a letter today from the kids, they're at the Highland Motel, everything stored away and the silver all hidden and up high. They're back again, as the water retreated. The water is the most terrible - one can't do anything to protect against it. Have the Cologne Marxes arrived yet? Make an effort to get your things. One hears that the lift still hasn't occurred? Karl Kahn's at a silk factory now. He was without work for 10 days recently, had to write home nervously. We're working hard so Father can visit you, since there's hardly any more flour; we have a quiet business. We still want to eat jelly and [...], it's also nice. Rosel wrote that Frau Kahn will leave soon; I hope that you'll soon have everything there. Too bad about the watch strap, he should certainly have sent it. By now the old Jewish cemetery has been nearly completely dug up. Pity that the people no longer have work. Have you taken part in Carnival, or do they not do it the same over there? Have you started with [...] English? Best wishes to all our friends and relatives, Johanna Kossman


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