Firmenbriefkopf 2. 2. 1937


Mein lieber Sohn,

Nachdem ich nun jetzt ½ Stunde nach meiner Brille gesucht habe und Hede sie jetzt im Zimmer von Frau Kossmann gefunden hat, kann ich nun endlich mit Schreiben beginnen. Jetzt – wie kommt die Brille in Frau Kossmanns Zimmer? Auch das sollst Du erfahren! Ich brachte Fr. K. ein Glas Rotwein mit Ei, da sie sich sehr matt fühlte; sie hat nämlich seit 3 Tagen die Grippe und hatte gestern 39,5 Fieber, was jedoch heute wieder auf 37,3 zurück ging; daher das Schwächegefühl und dabei habe sie auf ihrem Waschtisch gelegt, was nicht mehr wusste; ja, das Alter macht sich bemerkbar. Aber man sagt immer, „es kommt nie ein Unglück allein“.
Unsere alte Tante Hannchen hat uns verlassen; sie hat ja G. s. D. kein langes Krankenlager gehabt. Am Freitag vor 8 Tagen ging sie noch mit mir auf die Straße und am Montag darauf telefonierte Dr. R., ich sollte sofort kommen, die Tante hätte die Grippe. Ich fuhr gleich hin und hat sie sich sehr gefreut, daß ich gleich kam. Im Laufe der Unterhaltung sagte sie zu mir: „diesmal packe ich´s nicht mehr“, und sie hatte recht. Am nächsten Tage bekam sie rote Flecken ins Gesicht, worauf sie wegen Ansteckungsgefahr in Isolierbau kam und hat sich dort zur Gesichtsrose entwickelt. Am Mittwoch war Else dorten, dürfte natürlich nicht zu ihr, da sie ja schon nichts mehr sprechen konnte und am Donnerstag morgen um 9 Uhr ist sie gestorben. Von Montag bis Donnerstag hat ständig eine Frau bei ihr gewacht. Am Sonntag wurde sie dann auf dem hiesigen Friedhof beerdigt; was sie immer gewünscht hat. Alle Verwandten waren hier und Susi kam von Zürich und hat ihr auch noch die letzte Ehre erwiesen. Am Sonntag mußte Salomon leider wieder nach Frankfurt und fuhr früh um 6 Uhr und kam um 10 Uhr wieder zurück; da wir viel
Schnee hatten, konnte Salomon nicht mit auf den Friedhof. Dr. Neuroth hat sich auch sterben lassen und zwar wegen Überschuldung und soll auch Unterschlagung gemacht haben. Sein Sozius hat geschrieben, dass er uns nicht weiter vertreten kann und schickt alle Akten zurück. Wilhelm Klink Hier (an den..?....) , der in letzter Zeit ein treuer Kunde von uns war, ist auch plötzlich an Herzschlag gestorben.

Gestern war Else in L(angen) Lonsheim und hat Saly's Sachen helfen packen. Der Zollbeamte von Kreuznach war dorten und gingen die Sachen gestern ab. Am Sonntag reist Saly ab und gehen Job und Else mit nach Hamburg. Sein Schiff, die Manhatten geht am 10ten in Hamburg ab. Den Rechenschieber, den für dich kaufte, hat Saly für sich mitgenommen. Ich habe im 17 Jotstiften (Jodstifte?) für dich mitgegeben, was er sonst noch für dich hat, haben dir ja schon geschrieben. Die Kette, die noch in Zürich war, brachte Susi mit und habe sie ihm auch mitgegeben. Denke dir, Ludwigs bester Freund, der gute Flock, ist auch verendet.
Die 16 Bilder kamen am Sonntag an und habe mich sehr damit gefreut, nur finde , daß du sehr blass aussiehst. Heute haben Hede und ich
Bedrucktes abgeschickt und hoffe, dass dies zur Gründung und Aufstieg deines Fonds mithilft. Walter Blum aus D(armstadt), der nach N. Y. geht, ist für nächsten Montag nach Stuttgart bestellt.

Von dem Ableben der l. Tante benachrichtige alle amerikanischen Verwandten, auch Udo!

Das wird so alles sein, was ich weiß, ich schließe mit den besten Grüßen für alle Verwandten und Bekannten und sei du herzl. gegrüßt von deinem Vater.


(
im Briefkopf : Hast Du von Aenne und Max und Ernst was gehört schreibe ausführlich, wenn du was weißt. Wir haben gehöhrt, dass sie ins Gebirg? geflüchtet sind; so haben sie nach Nierstein telegraphiert. )



February 2nd, 1937

My dear son,
After spending the last 30 minutes looking for my glasses (which Hede just found in Frau Kossmann's room), I can now finally start writing. Now--how did the glasses end up in Frau Kossmann's room? That too you should know. I had brought Frau K. a glass of red wine and an egg, as she was feeling really weak; she's had the flu for three days, and yesterday had a fever of 103° F, though today if went back down to 99° F. That anyway was the cause of her feeling weak, and then this in turn caused me to leave my glasses on her vanity, which of course I forgot; yes, my age is making itself known. And as they say, when it rains it pours: our old Tante Hannchen has left us. It was, thanks to God, not a long illness. On Friday, eight days ago, she was walking alongside me on the street, and then the following Monday, Dr. R telephoned telling me I should come immediately, our aunt had the flu. I drove straight there, and she was very happy that I came right away. In the course of the conversation, she told me: "this time I won't make it," and she was right. The next day she had red specks on her face, and that led her to be placed in the isolation ward on account of the risk of contagion, and then there she developed erysipelas. On Wednesday Else was there, but naturally wasn't allowed in to see her, but she could already no longer speak, and then on Thursday morning at 9 o'clock she died. From Monday to Thursday, there was continually a woman by her side. On Sunday she was buried at the local cemetery, which had always been her wish. All the relatives were here and Susi came from Zürich and also paid her last respects. On Sunday, Salomon unfortunately had to go to Frankfurt again, and left early around 6 a.m. and returned around ten. Since we had a lot of snow, he wasn't able to join at the cemetery. Dr. Neuroth also up and died on account of his indebtedness, and apparently he'd done some embezzling as well. His partner wrote to us, saying he could no longer represent us and sent all the files back. Wilhelm Klink Hier [of ?], who'd been a loyal customer of ours in recent times, suddenly died of a heart attack. Yesterday Else was in Langenlonsheim and helped pack Saly's things. The customs official from Kreuznach was there and went through things yesterday. On Sunday, Saly sets forth, and Job and Else will go with to Hamburg. His ship, the Manhattan leaves from Hamburg on the 10th. Saly's taking the slide rule that I bought for you for himself. I gave him 17 [?] for you; what else he has for you, we've already written about. Susi brought the chain that had been in Zürich, and she gave it to him also. Can you imagine, Ludwig's best friend, the good Flock, is also dead. The 16 pictures arrived on Sunday, and made me very happy, except that I find you very pale looking. Today Hede and I sent off [?] and I hope that this helps with the establishment (and growth) of your funds. Walter Blum from Darmstadt, who is heading to New York, is due in Stuttgart next Monday. Please let all the American relatives (including Udo) know about the passing of our beloved aunt. That's all that I'm aware of, so I'll close with best wishes for all our relatives and friends, and a big greeting to you from your father.

Have you heard anything from Aenne and Max and Ernst? Write in detail when you know something. We heard that they fled into the [?], or so they telegraphed to Nierstein.
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