*


Groß-Gerau, den 30. Aug. 1936.

Mein lieber Martin!

Am Donnerstag bin ich wieder gut hier gelandet. Dein l. Vater, Fr(au) Koßmann und Else holten mich in Frankfurt ab. Dein l. Vater sieht unberufen sehr gut aus und gestern nach Tisch haben wir das erste Spielchen zusammen gemacht. Am Freitag Mittag habe ich mit großem Interesse alle Deine Briefe gelesen und ich danke dir noch für deine l.(ieben) Zeilen vom Schiff; auch Berthel hat Deine Karte erhalten und wird dir bald selbst schreiben. Fein, daß du schon Arbeit gefunden hast. Hoffentlich hast Du dich bald eingelebt. Heute Nachmittag wollen wir nach Nierstein, um uns von Änne, Max und Kind zu verabschieden So wird die Familie immer kleiner; einer geht nach dem anderen weg. Ernst hat immer noch nicht seine Arbeitserlaubnis, was für ihn und uns sehr bedauerlich ist. Berthel hat nun? Vertretung, im Sommer geht es ja; Onkel ist auf der Reise und wollen wir hoffen, daß er immer etwas verkaufen kann.

Dein gestriger Brief hat uns alle sehr erfreut. Weiter alles Gute fürs neue Jahr - bleibe gesund, grüße alle Verwandten und Bekannten und sei du herzlich gegrüßt und geküsst Deine Tante Hilda.




Lieber Martin! Als gestern Deinen Brief am Schabbes ankam war die Freude doppelt gross es ist immer ein Jomtof wenn Nachricht von Dir haben. Also Du hast Arbeit, das ist fein + hoffentlich hast Dich schon in die ungewohnte Arbeit eingefunden  + fällt Dir das aufstehen auch nicht so schwer? Das Frühstuck war ja fein bekommst keinen Haferschleim des morgens dies hält doch gut an; in Gedanken sind stetig bei Dir. Hoffe, dass Du Dich weiter gut einlebst + zufrieden bist, hast Du schon ein bisschen Heimweh gehabt? Die Karten kamen so ziemlich alle an. Vorigen Sonntag hatten Hochbetrieb: die Niersteiner + Hamburger mit Kind waren da, Lotti ist zu goldig; es wurde fest Skatgespielt + blieben bis 10 Uhr hier; hatten ein feines Essen; heute ist Abschied in Nierstein. Sonst ging die Woche ziemlich ruhig vorbei. Tante Hilda haben in F. abgeholt + besorgten gleichzeitig ein Abschiedsgeschenk für Änne: eine Kaffeekanne zum Warmhalten wie sie Else hat, sehr schön. Gestern Mittag rief Wiener F[?] an, gaben ihm deine Adresse, er versprach mir, uns bald zu besuchen, sie sind eben etwas angebunden da Besuch aus Spanien haben + dieser nicht zurück kann. Vielleicht geben das Armband für die Uhr an Else Mayer D. mit, denn diese fahrt nach Ch.(icago). Jule Strauss sagte neulich, er konnte bald abreisen, aber er wird noch nicht fertig sein. Wie mir Paul O.(ppenheimer) erzählte, schreibt Nussb.(aum) sehr zufrieden + ist in grossartiger Stellung. Ende Dez. ist Paul O.(ppenheimer) nach St(utt)gart bestellt.


Schade, l(ieber) Martin dass den grauen Anzug weggeschickt haben; ich amüsierte mich, dass Du etwas geschenkt erhältst). Ich kann Dir sagen,Vater sieht eben sehr gut aus + geht ihm auch gut. Onkel Salmon ist alt geworden, sicher durch das Leiden, aber Cousine Else sieht gut aus. Warst Du mal bei Marx Jesselsohn von A. haben mich angefragt die Eltern von Köln wollen im Januar zu Besuch hinüber. Sind die Briefe von hier auch immer zollamtl(ich) geöffnet? Karl K.(ahn) haben schon gesagt, dass er sich wegen schloren? danach richtet; wo hast Du alles untergebracht? Wie fühlst Du Dich als Strohwitwer. Vater lässt fragen ob sich Tante mit der Decke freute, hast nichts davon erwähnt; kannst Filme beilegen, dann können immer, welche (uns) gefallen, machen lassen. Jetzt noch l.(ieber) Martin, zum neuen Jahr die herzl. Glückwünsche bleibe gesund + recht viel Glück in der neuen Welt s.(o) G(ott) w.(ill), bringst Du es als tüchtiger Mensch + Sohn Deines Vaters zu einem grossen Geschäftsmann. Vor allem, dass Du weiter kommst. Wie verbringt man dort die Feiertage? Für heute herzl. Grüße + bleibe gesund von Deiner Joh. Kossmann


Lieber Martin! Mit Deinem ausführlichen Brief haben wir uns sehr gefreut. Zum Jahreswechsel wünsche ich Dir l(ie)b(er) Martin von Herzen das Allerbeste. Gestern Schabes hielt Herr Hartochsohn seinen letzten Gottesdienst hier ab. In 14 Tage kommen Merzbach und Bienheim zur öffentlichen Feier. Trude lässt Dich grüssen. Nun grüss mir Alle und sei Du lieber Martin für Heute recht herzlichst gegrüsst u. geküsst von Deiner Schwester Hede u. faste gut! Haltet alle gut Yontof!




















Dear Martin,

Yesterday when your letter arrived on Schabbes, the joy was twofold. It is always a ____ to get news from you. So you have a job - that's great and hopefully you've already found your way in the unfamiliar work, and it's not too difficult getting up. Breakfast was fine - do you not get porridge in the mornings? It keeps you going. My thoughts are constantly with you. I hope that you continue to settle in well and are content, have you had a little homesickness yet? The cards seem all to have arrived. Last Saturday was very busy - the Niersteiners and Hamburgers and their child were there, Lotti is so sweet! Skat was played, and they stayed here till 10 and had a fine meal. Today is departure day in Nierstein. Otherwise the week went by rather quietly. They picked up Aunt Hilda in Frankfurt, and at the same time picked up a parting gift for Änne: a coffee canister for keeping the coffee warm, like the one Else has, really pretty. Yesterday midday Viennese F___ called, we gave him your address and he promised me he'd visit us soon. They're presently rather occupied, as they have a visitor from Spain and he can't return.1 Perhaps we'll give the watchband to Else Mayer D., as she is traveling to Chicago. Jue Strauss said recently that he'll be able to depart soon, but he is still not ready. As Paul O. was telling me, Nussbaum appears to be very content and has a great position. Paul O. is heading to Stuttgart at the end of December.

It's a pity dear Martin that we sent the gray suit away, it amuses me
that you'll recover something gifted. I can assure you, father looks very good and is doing well. Uncle Salomon has grown old, surely a result of the suffering, but Cousin Else is looking good. Have you been to see Marx Tesselsohn von A., they asked me, the parents from Cologne want to go over for a visit in January. Are the letters from here always opened by the customs office? Karl K was already told that he'd conform because of _____. Where did you stow everything? How do you feel about the bachelor's life? Father asks if Aunt was pleased with the blanket, you haven't mentioned anything about that. Can you include film because I've gotten some you'd be pleased with. Now dear Martin, I wish you happiness in the  new year, that you remain healthy, and much luck in the New World. As a capable man, and the son of your father, you'll become a big businessman. Above all that you continue to know how one spends the holidays there. For today, heartfelt greetings and stay healthy. Yours, Johanna Kossmann 

Dear Martin, we were really pleased to get your detailed letter. I wish you all the best from my heart for the new year. Yesterday at Schabbes Herr Hartochsohn held his last service. In 14 days Merzbach and _____ will come for a public celebration. Trude sends her greetings. Send my greetings to everyone and for today my greetings and kisses to you, your sister, Hede (and good fast). Tell everyone "good Yontif!"

1Presumably: Spanish Civil War (July 17th, 1936 to April 1st, 1939)
Comments