Kein Firmenbriefkopf
Brief vom 20. 12. 1936

Lieber Martin!
Nachdem wir heute Nachmittag mit Job und Vater spazieren waren, gut Kaffee getrunken, Stollen von Gazcores dazu und Vater jetzt Schule gegangen zu Schott, denn der Bruder von Markus Schott in Mainz ist gestorben, will ich den Anfang machen damit der Brief zeitig fort kommt. Hier bei uns ist alles G. s. D. in Ordnung. Wir waren alle erkältet, aber G.s. D. nicht von Bedeutung. Du weißt, wir sorgen einen für den andern, damit man schnell wieder davon kommt. Job hat paar Tage das Zimmer gehütet, das Wetter war auch miserabel. Hast Du von Kahns deine Sachen erhalten und von Karl? Weisst du, dass es sehr schwer hält, bis man jemand Leica, Linssen etc. mitgeben kann. Ich hatte nach Köln geschrieben, erhielt auch Absage, da Alfred und Hermann sich auch Leica bestellt haben; die Eltern reisen am 27. Januar.
Hede erinnert sich, dass Hermann ihr Bruxelles gezeigt hat.
Mit den Zeilen von Frau Hirsch freuten uns sehr und danken herzlich bes. freuen uns, dass Du, l. Matin, öfter dorthin kommst; dies sind doch Heimatklänge und Frau Hirsch hört so, was hier noch als vorgeht, aber alles ist hier so beengt, es ist solch kleiner Rest noch hier. Glaube bis zum Frühjahr gehen Kaufhaus Kahn auch von hier fort, ob wir auch mal an die Reihe kommen?
Wie mir Onkel Max erzählte, bekommt Kurt doch die Bürgschaft durch Udo. Aenne hat es geschrieben. Ernst wird dieser Tag auch drüben ankommen.
Besuch bekommen die Feiertage keinen; Tante Hans schrieb, dass Gertrud und Mann nach B.
fahren, so sind alleine.
Als Vater am Donnerstag Tante Hannchen besuchte, wurde gerade die Schwester von Betty Kiewe, Johanna Sondheimer nach Darmstadt gebracht; sie ist sehr krank.
Hast Du von Rudi schon näheres gehört?
Wegen den Hemden will nach den Feiertagen sehen. Vater glaubt, Du hättest genug, na, es wird für Dich noch was abfallen. Was tust du an Sylvester wo wird dies gefeiert dort wird doch auch gebummelt. Für heute noch herzl Grüsse für Dich und alle Bekannten Verwandten
von Deiner Johanna Kossmann.

Hede schreibt dazwischen und darunter.
unvollständig gescannt: spielten alle Rommée mit Geld, ich habe 5 Pfennig verloren. Wir waren bis zum 11 Uhr dort es war sehr gemütlich (irgendwer) ist heute nach Köln, um sich zu verabschieden...... wegen Platzmangel sei Du, l. Martin führ Heute recht herzlichst gegrüßt von deiner Schwester Hede; Gruß an alle Lieben

Lieber Martin, vieles zu erzählen, weiß ich nicht, da sich hier sehr wenig Nennenswertes ereignet. Heute Mittag waren auf dem Friedhof, da morgen (21. Decbr.) Mutters Geburtstag ist; hoffentlich hast Du ihn nicht vergessen. Du schriebst, wie wir ohne Gustel fertig werden? Auch dies geht, wir haben uns zum dritten die Arbeit geteilt, wobei ich den Löwenanteil übernommen habe. Heute steht die neue Ausmahlung des Weizens in der
Landware, hiernach giebt es kein Auszugsmehl mehr, sondern ein Vollmehl und ein Brotmehl und hoffe ich, daß man morgen wieder Mehl per Januar kaufen kann, da die Mühlen ab morgen verkaufen können. Wir haben zwar noch genug Dztr.(Doppelzentner) Mehl zu bekommen und hoffe, daß wir es rechtzeitig herein bekommen, da alles verkauft haben.
Letzte Woche war in Trebur und wollte mit Gewalt dem Bäcker Krug verkaufen, was mir aber nicht gelang und nach 4 -5 Tage später kam er Abends spät per Auto
Liecher und Lät (Scan unvollständig)bestellt; was heute eine Seltenheit ist. Sonst läuft das Geschäft im Allgemeinen ruhig.
Sag´ mal hast du eigentlich den Bruder des Mannes, der bei Onkel Max im Geschäft ist (Herrn Lohmüller) schon gesehen? Jedenfalls kann es für dich darin von Vorteil sein, er soll doch ein ganz schönes Geschäft haben. Wie mir Selma sagt.
Grüße mir Familie August Hirsch und ich danke viel für die l. Zeilen von Frau Hirsch. Außerdem Grüße an alle Verwandten und sei du noch recht herzl. gegrüßt und geküßt
von deinem Vater


Lieber Martin! Gestern Samstag Abend war die Jugend bei Hilde G. [ottschall oder Guthmann], Herr Lewy ..Artur Stein, Betty Dahlerbruch, Trude Goldberger und ....




December 20, 1936

Dear Martin,
After going this afternoon on a walk with Job and Father, drinking a good cup of coffee (and with it some Stollen from Gazcores), and then Father going to shul to Schott's, since Markus Schott's brother in Mainz died, I want to start writing, so that the letter makes it out on time. Thanks to God, everything is in order with us. We all had colds, but thanks to God, nothing serious. You know, we take care of each other, so that we can leave it all behind. Job tended the room for a couple days, the weather was also miserable. Have you gotten your things from the Kahns and from Karl? You know, it looks like it'll be very difficult to find someone to give the Leica and lenses to. I wrote to Cologne but got a negative reply,  as Alfred and Hermann have ordered Leicas for themselves. The parents depart on the 27th of January. Hede remembers that Hermann has shown her Brussels. 
We were so happy to read those lines from Frau Hirsch, and thank her for those; we were especially happy to hear that you go to them now and then. These are echoes from home, and Frau Hirsch hears what's happening here, but everything here is so cramped, and it's such a small remnant still here. I believe that come spring, the Kahn department store will also close shop, perhaps we'll also get in line to leave. As Uncle Max tells me, Kurt will get an affidavit from Udo after all. Aenne wrote it. Ernst is to make his arrival this very day. We won't have any visitors over the holiday. Aunt Hans wrote that Gertrud and her husband are traveling to B., so they are alone. Just as Father was visiting Aunt Hannchen on Thursday, Betty Kiewe's sister, Johanna Sondheimer, was brought to Darmstadt; she is very sick. Have you heard any more from Rudi? I'll see about the shirts after the holidays. Father believes, you'd have enough, and I think we'll be able to get more dropped off for you. What are doing for New Year's? Where does one celebrate that there? Will you take a stroll? For today, heartfelt greetings for you and all our friends and loved ones, from your Johanna Kossmann

Dear Martin, not sure if there's much to report, as very little of importance happens here. Today midday we went to the cemetery, since tomorrow (December 21st) is mother's birthday. Hopefully, you've not forgotten it. You write, how we get by without Gustel? We get by. We have divided the work in thirds, although I've taken on the lion's share. Today there was a new milling of wheat, there's no more superfine flour, rather a whole grain and a bread flour, and I hope that tomorrow one will be able to buy flour for January again, as the mills are allowed to sell again tomorrow. We have enough quintals of flour coming, and we hope to get them on time, as we've already sold them all.
Last week I was in Trebur, and wanted violently to sell to the baker, Krug, but I wasn't successful, and then 4-5 days later he came late in the evening by car and ordered [missing in scan], which is a rarity these days. Otherwise, the business is generally running smoothly.
Tell me, have you already seen the brother of the man who is in business with Uncle Max (Herr Lohmüller)? In any case, it would be advantageous to do so, as he's supposed to have a really great business. Or at least that's what Selma tells me.
Send my greetings to August Hirsch and family, and I'm grateful for the lovely lines from Frau Hirsch. Otherwise, greetings to all the relatives and my heartfelt greetings and kiss for you, from your Father.

Dear Martin,
Yesterday, Saturday evening, the youth were over at Hilde's. Herr Lewy from [missing], Artur Stein, Betty Dahlerbruch, Trude Goldberger, and [missing] all played rummy for money. I lost 5 pfennigs. We were there until 11, it was really comfortable. [?] went to Cologne today to say goodbye. On account of no more space, I'll now just send my warmest greetings--your sister Hede. Greetings to all our loved ones.
 
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