No 22 

Antwort auf Brief Nr. 20 

6. Dezember 1936

Lieber Martin!
Da dein Vater mit Tante Hildas Onkel Alex Skat spielen, fange ich an, an Dich zu schreiben. Alles ist in bester Ordnung; wir sind gesund und leben so im Dusel weiter und eine Woche vergeht wie die andere. Bis der Brief zu Dir gelangt, ist bald Weihnachten; ich möchte dir gerne etwas Confekt senden, Gelegenheit ist keine da.
Hast Du von Karl jetzt Nachricht und die Sachen bekommen. Es ist für Dich Heimatklänge, wenn du von Zeit zu Zeit bei Hirschs bist, glaube, daß es schön bei denselben ist. Bestelle Grüsse an dieselben!
Kahns Jungens haben nichts als Wurst mitgenommen. Bis jetzt haben noch keinen für Fernglas etc. gefunden, ist sehr schwer so etwas mitzugeben. Glaube Dir, dass die Wäsche nicht so behandelt wird wie zu Hause, aber daran gewöhnt man sich auch.
Else erzählte mir, dass (sie) jetzt Pralines machen will und Photos vergrößern lernen. Bei Pralines wird sie selbst ein guter Kunde sein.
Der Geburtstag von Onkel Salmon verlief gemütlich bei Kaffee und Kuchen. Abends waren Kahns auch da und spielten Skat.
Durch den Plan haben wenigstens eine Ahnung wie die Wohnungen von ein ander liegen. Du hast es fein gemacht. Von Ernst haben uns jetzt verabschiedet, war Donnerstag abend nochmals hier. Sonntag, den 3. Dec. geht er aufs Schiff. Hält sich einige Tage in New York auf. Onkel Max würde am liebsten gleich mitgehen. Der Bruder und Schwägerin der Wormser reisen am 31. Dez. ab Antwerpen nach Südamerika. Rosel tut es furchtbar leid.

Wir haben schon ein Stollen von Gazors. Vater brachte ihn mit. Heute hatten ein feines Gänschen, schade, dass Dir nichts davon geben konnten.
Sally war gestern auch hier, besorgt sich noch feine und gute Hemden in Cöln(?), fährt dorthin Verwandte besuchen; es fällt ihm sehr schwer fortzugehen.
Das wäre so ungefähr der wöchentliche Bericht. Recht herzl. Grüsse und bleibe gesund, Grüsse an alle Bekannten, Verwandten von
Johanna Kossmann.


Lieber Martin. Ich hoffe dich wohl auf und kann ein Gleiches G.s.D. auch von uns berichten. Die Leica, die hier hatte, habe Frl. Krämer gegeben und dafür gestern eine feet bekommen, die Linsen sind so wie schon geschrieben in feet bestellt und hoffe ich, daß dieselben bald kommen und ich auch Gelegenheit bekomme, sie dir zu schicken. Ernst hat jetzt in Frankfurt noch Handschuhmacher gelernt und glaubt Max, daß sie zusammen eine Werkstatt aufmachen können und erwarten ein großes Geschäft hierin; du brauchst aber nichts davon zu erwähnen, da hier Niemand was davon weiß.
Onkel Salomon lässt dich grüßen. Ich weiß dir für heue Nichts besonderes zu berichten (
Abschiedsformel vice versa im Briefkopf) sei schön gegrüßt und geküßt von deinem Vater.


Number 22, response to letter number 20
December 6th, 1936

Dear Martin,

Since your father is playing skat with Aunt Hilda's Uncle Alex, I'll start. Everything is in good order, we're healthy and live in a daze, each week just like the last. By the time this letter will reach you, it'll be nearly Christmas. I'd like very much to send you some confections, but there's been no opportunity. Have you heard news from Karl and gotten the things? It must be echoes of home when you visit the Hirschs from time to time; I imagine, it's nice there. Send the same my greetings. Kahns boys brought nothing but the sausages. So far, haven't found anyone for the binoculars and so on. It's really hard to find someone for something like that. I believe you, that the laundry isn't cared for just like at home, but you'll get used to that too. Else tells me that she wants to learn how to make pralines and also to learn how to enlarge photos. She'll be her own best customer when it comes to the pralines. 
Uncle Salomon's birthday was a comfortable affair with coffee and cake. The Kahns came in the evening as well and played skat. 
We at least now have an idea how the apartments are situated with regards to each other from your map. You've done it nicely. We've said our goodbyes to Ernst now, he was here again on Thursday evening.  He boards the ship on Sunday the 3rd of December, and stays for a few days in New York. Uncle Max would prefer to immediately go with. The brother and sister-in-law of the Wormsers are leaving on the 31st of December for from Antwerp for South America. Rosel is terribly sorry about it. 
We already have a Stollen from Gazor's. Father brought it with. Today we had a fine little goose, too bad that we can't give you any of it. Sally was also here yesterday, is busy procuring fine and nice shirts in Cologne, is heading there to visit relatives. He finds it very hard to leave. That's more or less the news of the week. Hearty greetings and stay healthy, send greetings to all relatives and friends, from Johanna Kossman


Dear Martin, I hope you're well and can report a similar "thanks be to God" about us. The Leica, that I had here, I gave to Miss Krämer, and in return got one in feet. The lenses in feet are already ordered, and I hope that these will come soon, and that I'll have the opportunity to send them off to you. Ernst has learned to make gloves in Frankfurt, and Max believes that they'll be able to open a workshop together, and expects to do much business; don't mention anything about this though, as no one here knows about this. 
Uncle Salomon sends his greetings. I don't have anything else special to report for today, so a loving greetings and a kiss from your Father.
Comments