Brief Hede Nr. 22 Gross-Gerau, d. 6. 12. 1936
Lieber Martin!
Aus Deinem lbn. Brief habe ich ersehen, daß es Dir gut geht, was ich von mir auch berichten kann. Am letzten Freitag kam ich von meiner Rundreise Bretten-Heidelberg-Mannheim zurück. Die Mannheimer haben sich bitter bei mir beklagt, weil Du, lbr. Martin, Dich nicht von Ihnen verabschiedet hast. Am Donnerstag Abend waren die Niersteiner hier und hat sich Ernst von uns verabschiedet. Gestern Abend waren der Restbestand der Jugend Hilde, Betty, Friedl und Goldb.[ach?] bei mir; sie waren bis um 12 Uhr hier. Gestern war Sally hier. Frl. Straus lässt fragen, ob August Hirschs den Brief von Ihnen nicht bekommen hätten?
Mit Deinem Englischlern Vorschlag bin ich nicht einverstanden, da ich noch eine Zeitlang mit Stunden nehmen warte, da sich Vater doch noch nicht so schnell entschliest mit dem Gedanken aus(zu)wandern. Dav(f)ür sind Job und Else aber feste dran, daß sogar Sally gestern sagte, sie sollen mich doch zuerst einmal drüben ankommen lassen. Bei Onkel S(alomons) Geburtstag war es sehr gemütlich. Hier wird es täglich langweilicher
(= langweiliger; in Hessen wir das „g“ mundartlich „ch“ gesprochen; ) v(f)ür mich. Man weis, bald nicht mehr, zu wem man gehen soll. Heute schrieb mir Blanka, daß ich doch bald einmal wieder zu Ihr komme. Es kann sein, daß ich an Weihnachten ein Tag einmal zu Ihr fahre. Diese Woche war Herr Leopold Hirsch hier und erzählte uns, daß Verdi (=Ferdi) am 20. Dz. heiratet. Hörst Du noch etwas von Siegfried Guthmann? Lbr. Martin, Du wirst jetzt unseren Hausgang überhaupt nicht mehr kennen, ebenso die Küche, da wir nobel geworden sind, haben wir dieselbe mit neuem Laufer (=Läufer) und Teppiche belegt (Perser).
Du schriebst von den Bildern, die Bilder waren alle komplett mit Schinese.(
Wahrscheinlich Fastnachtsbilder mit Chinese? oder meint sie Chinois?) Siegfried Levy und Sebbel (Seppel) Löb geht es beide(n) besser. Ich soll Dich im Auftrag von Frau K(ossmann) fragen, ob wir mit Sally v(f)ür Dich Polohemden mit kurzem Arm mitschicken sollen. Diese Frage sollst Du uns beantworten. Soeben
schnibbelt Frau K. (ossmann) Mandeln für Baslerlebk(uchen).
Heute Abend ist ihre
........?..Gans Wie hast Du Schanuk(k)a verbracht?
Herbert will sich in Paris ansiedeln. Berthel geht zu Ihrem Schwager nah Buenes Aires im März. Ich nehmen an, daß Rudi? auch unterwegs ist
Da meine Kenntnisse zur Ende gehen, werde ich mein Brieflein, lb. Martin, nun schließen. Nun bleib du, lb. Martin, weiter gesund und lass bald wieder etwas von dir hö(h)ren. Grüß mir bitte alle Verwandten dort und sei Du für heute recht herzlichst gegrüßt und geküßt von
Deiner Schwester Hede
Herzliche Grüße an Familie August Hirsch. Meine Gedanken sind, dass man die Grundlage von Englischen besser bei einem Lehrer lernt wie alleine; Betty lernt auch feste englisch; Margot ist in Paris in einem Haushalt.
Number 22, December 6, 1936
Dear Martin,
From your lovely letter, I see that you're doing well, and I can report them same of myself. Last Friday I returned from my tour of Bretten, Heidelberg and Mannheim. The Mannheimers complained bitterly to me, since you dear Martin never said your goodbyes to them. On Thursday evening the Niersteiners were here, and Ernst took his leave from us. Yesterday evening, what's left of the youth was here: Hilde, Betty, Friedl, and Goldb.; they were here till midnight. Yesterday, Sally was here. Fraulein Straus asks if the August Hirschs haven't yet gotten the letter from them?
I don't agree with your proposal on learning English, as I'll still wait a bit before taking hours, as father really still hasn't made up his mind about emigrating. Else and Job are still stuck on it, and even Sally said yesterday that they should let me get over there first. It was very pleasant at Uncle Salomon's birthday. It's more boring every day here for me. One hardly knows anymore whom to visit. Today Blanka wrote to me that I should really come visit her again soon. It may be that I'll go visit her for one day over Christmas. This week Leopold Hirsch was here and told us that Ferdi will marry on the 20th of December. Have you heard anymore from Siegfried Guthmann? My dear Martin, you wouldn't recognize our hallway anymore, or our kitchen neither, as we've laid new rugs (Persians) and runners. You write about the pictures, the pictures were all full of Chinese[?]. Siegfried Levy and Seppel Löb are both doing better. I'm supposed to ask you on Frau Kossmann's behalf whether we should send along short-sleeved polo shirts with Sally? You're supposed to answer this for us. Frau K is making schnibbles of almonds right now for Basler Lebkuchen. This evening [???]. How did you spend Hanukkah? Herbert wants to settle in Paris. Berthel will go to her brother-in-law near Buenos Aires in March. I gather that Rudi is also on the move. As I've reached the end of my knowledge, I'll wrap up my little letter, dear Martin. Now stay healthy, dear Martin, and write us again soon. Please send my greetings to all the relatives, and a big kiss and greetings from your sister Hede.
Greetings to the August Hirsch family. My thoughts are that one learns the foundation of English better with a teacher than alone, Betty's also learning solid English, Margot is in a household in Paris. 
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