11. Oktober 1936


Firmenbriefkopf No. 14


Lieber Martin

Nachdem heute einen Spaziergang gemacht habe, Vater und Tante Hilda waren mit, wird der Sonntagsbrief geschrieben und Bericht über die ganze Woche gegeben. Es hat sich gar nichts ereignet, die Jamtof sind jetzt alle vorbei. Simchas Thore soll es nett in der Synagoge gewesen sein. Frau Gutmann und Else haben die Pakete ausgeteilt, denn Else ist in den Vorstand des Frauenvereins ernannt worden. Gestern abend waren die Damen bei einem gemütlichen Kaffee bei Gutmanns; diese hatten Torten und Kuchen gebacken, blieben bis 12 ½ Uhr dort; es waren 25 Damen, Herr Hartogsohn kam auch von Höchst hierher und trug versch(iedenes) vor, sang einige Lieder; Else und Zilli G(utmann) haben uns so durchgezogen. Sie stellten so Quatschbasen vor; jeder bekam sein Teil.
Ich war mal wieder in F., besuchte Lori und Gustav; soll Dich grüssen.
Die Tochter von Otto Hirsch ist diese Woche zu ihrem Bruder nach Johannisburg abgereist; sie hat die Examen als Säuglingsschwester gemacht und hat schon Stelle dort. Das Schiff ging von Bremerhaven ab; dies war ein Transport von 1500 Personen, die alle vor dem 1. Nov. dort sein wollen. Da die Einwanderung für dort erschwert wird und die Quote auf 1000 Pfund erhöht Du, l. Martin, denkst, dass Vater von hier weg ging; vorerst denkt er nicht daran, na, wollen den Winter mal abwarten, dann wird man weiter sehen; aber Kahns sind noch hier momentan haben gar keine Reflektanten
; wir sind froh: so finden die Skatabende noch regelmässig statt.
Ich denke, das erste Confekt wird Karl mitnehmen, Else Mayer hat sich fein benommen.
Wohnen Hirsch schon in Chicago? Na, Du scheinst ja echt verliebt in die Lehrerin zu sein. Wie ist es mit dem Zimmer, machst Dich selbständig? Passe nur auf deine Sachen gut auf!
Wir haben für nächste Woche eine Gans bestellt, schade dass du nicht mitessen kannst, aber vielleicht wird bald bei der Familie auch zum Gansessen eingeladen.
Du meinst, Vater würde so wegfahren; wir waren noch nicht aus Gerau - so schwerfällig ist der alte Herr; aber G.s. D. Vater ist ganz in Ordnung und Onkel Salmon auch. Nur Heini Hirsch hat es am Herz, liegt zu Bett, der hat zuviel Fett. Was treibt man im Winter des Sonntags? Hast Du nette Gesellschaft?

Noch recht herzl. Grüsse auch an deine Verwandten von Joh. Kossmann. Heute haben Sig.(mund) Strauss besucht; derselbe ist krank er wollte sterben, aber er hat noch Zeit.


October 11th, 1936

Number 14

Dear Martin,

After taking a walk (Father and Aunt Hilda came with), the Sunday letter is written and we make a report about the week. Absolutely nothing happened, the Yomtovs are now past. Simchat Torah was supposedly nice in the synagogue. Frau Gutmann and Else distributed the packets, as Else was named to the leadership of the women's committee. Yesterday evening the women had a lovely coffee klatsch at Gutmanns. She had baked tarts and cakes, we stayed there until 12:30. There were 25 women, and Herr Hartogsohn also came over from Höchst and recited a few different things, and sang some songs. Else and Zilli Gutmann were really poking fun of us all, they were talking such nonsense, everyone got her share.
I was in Frankfurt again, and visited Lori and Gustav; I pass along their greetings. Otto Hirsch's daughter departed this week, bound for her brother in Johannesburg. She took her exams as an infant nurse, and already has a position there. The ship leaves from Bremerhaven, this was a transport with 1500 people who all want to be there before the 1st of November. Because immigration there will get more difficult and the cost will increase to 1000 pounds. You, dear Martin, imagine that Father will leave here; lately, he doesn't think about this at all, no, we want to wait out the winter, then we'll see, but the Kahns are still here currently and have absolutely no intentions; we're happy: the Skat evenings are still taking place regularly.
I think Karl will take the first confections. Else Mayer behaved herself real fine. Do the Hirschs already live in Chicago? You seem to be really in love with your teacher! How is it with your room, do you take care of it yourself? Just pay close attention to your things!
We ordered a goose for next week. Too bad that you can't eat with us, but perhaps you'll also be invited to goose dinners with the family soon. You think, Father will just leave; we still haven't left Gerau, so sluggish is the old man. But thank god, he's still in good shape and Uncle Salomon too. But Heini Hirsch has heart issues, he lies in bed, he has too much fat. What does one do in winter on Sundays? Do you have nice company? Warmest regards to your relatives from Johanna Kossmann. Today we visited Sigmund Strauss; he is sick and wants to die, but he still has some time.


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